22.02.2017

Presseschau: Bots, Facebook und eine russische Trollfabrik

Informationsquellen zum Thema Bots gibt es viele. Die besten Fundstücke der letzten Wochen:

 

Kurz vor Weihnachten veröffentlichte „Das Magazin“ aus der Schweiz einen Online-Bericht, der sich mit Big Data, Psychometrie und der Trump-Kampagne befasst. In dem langen Stück geht es um den Psychologen Michael Kosinski, der eine Technik entwickelt hat, die es erlaubt, anhand von Likes, die jemand auf Facebook gibt, ein Persönlichkeitsprofil über diese Person zu erstellen. Kosinski erbrachte „den Nachweis, dass man aus durchschnittlich 68 Facebook-Likes eines Users vorhersagen kann, welche Hautfarbe er hat (95-prozentige Treffsicherheit), ob er homosexuell ist (88-prozentige Wahrscheinlichkeit), ob Demokrat oder Republikaner (85 Prozent)“, so der Artikel. Diesem zufolge machte sich die Firma Cambridge Analytica das Wissen zu Nutze. Neben der Brexit-Kampagne wurde sie auch im US-Wahlkampf von Trump beauftragt, um Wähler mit bestimmten Facebook-Inhalten zu erreichen. Selbst Trump-Wahlhelfer, die von Haus zu Haus gingen, waren eingebunden: „Die Wahlhelfer haben auf den Persönlichkeitstyp des Bewohners angepasste Gesprächsleitfaden bereit. Die Reaktion wiederum geben die Wahlhelfer in die App ein – und die neuen Daten fliessen zurück in den Kontrollraum von Cambridge Analytica.“

Social-Media-Manipulation wird wohl weiterhin ein Thema bei den in diesem Jahr anstehenden Wahlkämpfen auf Bundes- und Länderebene sein. Vielleicht hat sich deshalb auch ausgerechnet die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) intensiv mit dem Thema Bots auseinandergesetzt. In der Reihe „Analysen und Argument“ veröffentlichte die KAS eine Analyse mit dem Titel „Invasion der Meinungsroboter“. Autor ist Professor Simon Hegelich von der Hochschule für Politik in München. In der Einleitung der KAS-Studie heißt es: „Social Bots sind von Menschen programmierte Software-Roboter. Sie sammeln Informationen und Daten, setzen aber auch bewusst Trends und Topthemen in den sozialen Medien, ohne dass der Nutzer davon Kenntnis hat. Das Beeinflussungspotenzial – der sogenannte ‚Bot-Effekt’ – ist theoretisch sehr groß, lässt sich empirisch aber nur schwer nachweisen.“ Und weiter: „Es wird immer schwerer, Bots von Menschen zu unterscheiden.…Vermehren sich Bots in den sozialen Medien überproportional, könnten sie sich disruptiv auf bestehende Nachrichtenplattformen wie z.B. Twitter auswirken, da die Nutzer keinen Sinn mehr darin sehen, auf einer Plattform zu kommunizieren, auf der sich zum großen Teil nur noch Maschinen als Gesprächspartner befinden.“ Die Rede ist in der KAS-Analyse auch von einer „sogenannten ‚Trollfabrik’, die in Sankt Petersburg schon seit geraumer Zeit Meinungen aller Art“ produziere.

Die Trollfabrik kommt auch in einer halbstündigen Dokumentation über Social Bots vor, die es sehr früh bei „ZDF Zoom“ gab. Beim ZDF widmete auch „Heute Plus“ den Bots eine ganze Sonderausgabe. Die ProSieben-Sendung „Galileo“ führte ein Experiment durch und versuchte, mit Bots den Hashtag #schreinachten zu einem Trend auf Twitter zu machen. In dem Beitrag sagt ein Wissenschaftler der Universität Münster, dass es einer US-Firma gelungen sei, mit Bots ihren Aktienkurs um 20.000 Prozent in die Höhe schnellen zu lassen, bis die Börsenaufsicht eingriff.

„Spiegel Online“ veröffentlichte Ende Januar einen Bericht, in dem es eigentlich mehr darum ging, dass die Länder den Einsatz von Social Bots verbieten wollen. Der Beitrag gibt aber auch einige gute Leitlinien zur Hand, die helfen, Bots in sozialen Netzwerken zu erkennen. Fragen wie „Wie oft twittert der Account“, „Wie viel gefällt der Account“ oder „Wie reagiert der Account auf Kontextfragen?“. Der Schweizer Bot-Forscher Oliver Bendel wird zitiert: „Kaum ein Chatbot kam mit Fragen, die räumliches Denken erfordern, zurecht.”

Zum Erkennen von Bots gibt es von dem Social-Media-Observatorium „Truthy“ an der Indiana University Bloomington das Tool „BotorNot“, das man mit seinem eigenen Twitter-Account ausprobieren kann. Für diesen Artikel wurden verschiedene Accounts, bei denen es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um Bots handelt, analysiert. Stets zeigte das Tool einen Botwert an, der nicht wesentlich höher war als der von Vergleichaccounts, hinter denen Menschen stecken. Entweder ist das Tool zu unempfindlich eingestellt, um keine falschen Bot-Verdächtigungen auszusprechen, oder es bedarf hier noch weiterer Forschung.

Das von „Wired Germany“ vorgestellte Projekt „Botswatch“ nutzt einen Richtwert dafür, um zu beurteilen, wer ein Bot ist. Danach ist ein Bot, wer mehr als 50 Tweets und Links am Tag absetzt. „Damit richten sich die Macher von Botswatch nach der Definition eines Teams von Wissenschaftlern der Oxford University, das den Einsatz von Social Bots im US-Wahlkampf unter die Lupe genommen hat“, so „WDR.de“.

Um zu verstehen, welche Arten von Bots es gibt, hilft ein Beitrag, den „Wired Germany“ Ende Januar veröffentlichte. Demnach gibt es „Überlaster“, die einen Feed mit bestimmten Aussagen überfluten können, oder auch „Trendsetter“, die ein Thema zu einer Trending-Topic auf Twitter machen. „Unterhalten sich plötzlich tausende Bots auf Twitter über #rapefugees, kann der Hashtag Bedeutung in der öffentlichen Debatte erlangen, obwohl es gar keine Vergewaltigungen gegeben hat. Ein Thema erscheint plötzlich größer als es ist und echte Nutzer schließen sich einer Fake-Bewegung an, weil sie diese als eine echte Mehrheit begreifen.“

„Botswatch“ hat analysiert, wie während Fernsehtalkshows wie „Anne Will“ oder während einer Rede von Angela Merkel getwittert wurde. Demnach waren unter den Twitterern bis zu 10 Prozent Bots. Der „Deutschlandfunk“ interviewte Tabea Wilke, die Gründerin von „Botswatch“. Mit „Botswatch“ befasst sich auch die „Tageszeitung“ und schreibt: „Allerdings kam der Forscher Philip Howard von der Universität Oxford nach einer Untersuchung von 9 Millio­nen Tweets, die nach dem ersten TV-Duell von Hillary Clinton und Donald Trump gepostet wurden, zu dem Ergebnis: Jeder dritte Tweet aus dem Trump-Lager kam von einem Bot, bei Clinton knapp jeder vierte.“

Der Ausschuss für Digitale Agenda des Bundestages führte am 25. Januar 2017 eine Sachverständigenanhörung zum Thema „Fake News, Social Bots, Hacks & Co.“ durch, die an der öffentlichen Wahrnehmung ziemlich vorbei ging. Den an die Sachverständigen des Fachgesprächs gerichteten Fragenkatalog gibt es online, ebenso wie die Stellungnahmen von Simon Hegelich oder Markus Reuter (Netzpolitik.org). Am 26. Januar 2017 fand ein öffentliches Fachgespräch des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung des Bundestages zu Social Bots statt. Zu dem Fachgespräch gibt es eine 16-seitige Kurzstudie.

1 Kommentare zu diesem Artikel


  1. Lesen Sie auch meine jüngste Veröffentlichung zum Thema AfD, Facebook und Bots bei FAZ.NET: http://www.faz.net/aktuell/politik/digitaler-wahlkampf-frauke-petry-und-die-bots-14863763.html#GEPC;s3


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