27.09.2016

Küchenzuruf 2.0. Resi, Quartz und der Conversational Journalism

Der ungebremste Siegeszug der Messenger hat längst auch Medienunternehmen auf den Plan gerufen. Kaum überraschend: Schließlich ist die Möglichkeit, abermillionen User in ihrem halbprivaten Umfeld zu erreichen, viel zu attraktiv, um sie zu übergehen. Statt aber einfach journalistische Inhalte auf Whatsapp einzustellen, versucht der sogenannte „Conversational Journalism“ Ton und Gestus der Kommunikationsplattformen aufzunehmen. Apps wie Quartz oder Resi wollen Nachrichten als Messenger-Gespräch vermitteln. Der gute alte Küchenzuruf, also die knackige Kernbotschaft eines journalistischen Textes, die man sich beim Kaffee erzählt, wird hier wörtlich genommen und konkretisiert.

Im „Hast du schon gehört“-Gestus reißt Resi etwa das Ergebnis der Wahl in Mecklenburg-Vorpommern an: “Ich hab dir nochmal alles zusammengefasst, was du morgen zur Landtagswahl in Meckpomm wissen musst.” „Also nur für den Fall, dass du lieber Tatort oder Fußball geschaut hast.“ Der lockere Ton wird vervollständigt durch Fotos, Emojis und humorige GIFs. Das Zittern der Grünen um den Wiedereinzug in den Landtag etwa wird veranschaulicht durch einen auf den Flossen kauenden Kermit. Die Zielrichtung ist klar: Persönlichere, personalisierbarere, interaktivere Nachrichten auf Augenhöhe, statt von der Kanzel des Sprecherpults.

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Dialogoptionen statt freie Texteingabe

Ein echter Dialog im eigentlichen Sinne ist das freilich nicht. Freie Texteingabe ist nicht möglich, stattdessen kann man – wie etwa in einem Point-and-Click-Adventure – aus vorgegebenen Antwortmöglichkeiten auswählen. Wer „Warum ist das so?“ wählt, erhält mehr Informationen zum Thema. Wer „Wer waren noch schnell die G-20“ anwählt, bekommt knapp deren Zusammensetzung erklärt. Wer „Hast du noch andere News“ anwählt, springt zum nächsten Thema. Für Resi-Macher Martin Hoffmann, vormals Social-Media Chef von Welt / N24, ist die Entscheidung gegen freie Texteingabe eine logische Konsequenz aus den Grenzen der Technologie, die bislang kaum in der Lage ist, auf alle erdenklichen Nutzerinteraktionen sinnvoll zu reagieren: „Wir wollen nicht, dass die Nutzer ein Nutzungserlebnis haben, das sie frustriert, wenn sie nämlich den Bot anschreiben und der Bot ihnen nicht seriös oder richtig antworten kann, sondern immer nur sagt “sorry, darauf weiß ich keine Antwort”“. Die Grenzen der Kommunikationsfreiheit mindern zwar die Illusion einer direkten Kommunikation, sorgen andererseits dafür, dass die Konversation nicht ausufert und der Chatbot seiner Aufgabe nachkommen kann: News in knapper Form an die User zu bringen, statt sich von diesen in ausufernde Frage- Antwortspiele zu Lieblingsfarbe, sexuellen Präferenzen oder Sinn des Lebens verwickeln zu lassen.

Unterhaltsame News für Nutzer abseits der Infoelite

Wer auf Hintergrundanalysen, umfangreiche Dossiers und fünf weitere Texte zum Thema nicht verzichten kann, wird sich von den News-Apps kaum angesprochen fühlen. Ist aber ja auch schon bei Tagesschau oder Radionachrichten kaum an der richtigen Adresse – und zählt ohnehin nicht zur anvisierten Zielgruppe. Mit seiner schnellen Nachrichtendosis für zwischendurch, will etwa Resi nicht nur jüngere User abholen, die sich von klassischen Nachrichtenangeboten kaum angesprochen fühlen, aber dennoch auf dem Schulhof oder in der Kaffeeküche mitreden möchten. Resi versteht sich dabei als Impulsgeber und Kurator des Informationsoverkills. Nach vier bis fünf Nachrichten haben die News-Apps fertig und verabschieden die User mit einem Applaus GIF. „You’re all caught up! Check back later.“ Eine visuelle Belohnung fürs erfolgreiche Beenden des Nachrichtenlevels. Gamification-Mechaniken, die den User mit dem befriedigenden Gefühl entlassen sollen, eine Aufgabe abgeschlossen zu haben.

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“Nachrichten, die Spaß machen“, dieses Versprechen der Resi-Entwickler schlägt sich auch in der Themenauswahl nieder, die sich neben ein, zwei weltpolitischen Ereignissen stark auf kuriosere, weichere Meldungen konzentriert. Wie sich die flockige Tonlage auf Dauer mit den Kriegen und Katastrophen verträgt, die allzumeist zum harten Nachrichtengeschäft gehören, muss sich zeigen. Eine Sensibilität gegenüber dieser Herausforderung wird durchaus sichtbar: Bei der Berichterstattung über das Erdbeben im italienischen Amatrice etwa bewiesen die Resi-Macher Fingerspitzengefühl und reduzierten den Emoji-Einsatz auf ein Minimum.

Redaktion statt Roboterjournalismus

Einem reinen Roboterjournalismus via selbstlernender Chatbots erteilt Martin Hoffmann auf absehbare Zeit eine Absage: „Ich glaube, dass Journalismus ein Feld ist, in dem künstliche Intelligenzen auf absehbare Zeit nicht in der Lage sind, das zu leisten, was eine Redaktion kann, nämlich Informationen zu gewichten, zu filtern, zu bewerten und zu überprüfen.“ Auch in Sachen Humor und popkultureller Anspielungen müsste die KI noch einiges lernen um mit menschlichen Journalisten mithalten zu können.

Entsprechend werden Resi und Quartz bislang von menschlichen Journalisten getextet. Bei Quartz komprimieren sechs Redakteure in Washington und London die Inhalte des eigenen Portals und anderer Medien auf Chatformat. Bei Resi leistet Martin Hoffmann bislang noch die meiste Arbeit alleine. „Mut zur Lücke“ ist für ihn eine zentrale Anforderung des neuen Formats. Tatsächlich gelingt die Balance zwischen Verknappung auf Kerninformationen und unterhaltsamer Aufbereitung überraschend gut, ohne dabei in verkürzende Simplifizierungen abzugleiten. Auf engstem Raum fühlt man sich gut und kompetent informiert.

Der Zugewinn an Interaktionsgefühl geht jedoch auf Kosten liebgewonnener Rezeptionsstrategien: Querlesen ist kaum mehr möglich. Denn durch die der Realität abgeschaute Zeitverzögerung, mit der die Apps ihre Nachrichten und Antworten, „schreiben“, kann man das Lesetempo nicht mehr selbst bestimmen. Der Vorteil von Text gegenüber Bild und Audio bleibt so tendenziell auf der Strecke. Nachrichten in Messengerform werden gewissermaßen zum Echtzeitmedium.

Neue Form des Journalismus oder neuer Vertriebsweg

Für Christoph Raetzsch, Journalistik-Dozent an der Freien Universität Berlin, ist bislang „nicht erkennbar, ob daraus eine neue Form von Journalismus entsteht, oder ob das letztlich nur ein neuer Vertriebsweg ist.“ Für Martin Hoffmann ist die Sache klar. Denn während sich bisherige Versuche der Verlage auf Whatsapp und Co. allzumeist darauf beschränken, mit Links auf die eigene Website zu leiten, versuche der Conversational Journalism, journalistische Inhalte tatsächlich plattformspezifisch aufzubreiten. Den Anbietern zufolge reagieren die User durchaus interessiert. Laut Zac Seward, Executive Editor von Quartz, wurde die App hunderttausend Mal heruntergeladen und vom durchschnittlichen User zweimal pro Tag für 4-5 Minuten genutzt. Hoffmann nennt wenige Wochen nach dem Start noch keine konkreten Zahlen, ist aber mit Feedback, Verweildauer und Nutzungshäufigkeit ebenfalls zufrieden.

Ob Resi und Quartz auch über den Novitätenfaktor ihre User gewinnen und halten können, ob sie sich tatsächlich als Informationsbasis für nachrichtenferne Nutzer etablieren oder doch eher als humorige Entspannung für die Infoelite in der Nische einrichten, das wird sich zeigen. Als Experiment und Ansatz, um journalistische Inhalte auch in der Form an ihre Kommunikationsumgebung anzupassen, sind die News-Messsenger sicher ein Anfang.

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