14.12.2015

Multimediale Live-Recherchen: So arbeitet das Journalisten-Startup Follow the Money

Sie recherchieren über WhatsApp und produzieren Podcasts und TV-Reportagen. Das Team Follow the Money macht innovativen Journalismus – und verdient damit Geld.

Carolyn Braun, Marcus Pfeil und Christian Salewski (von links) bilden das Kernteam von Follow the Money. (Foto: Florian Büttner)

Carolyn Braun, Marcus Pfeil und Christian Salewski (von links) bilden das Kernteam von Follow the Money. (Foto: Florian Büttner)

Schließlich gab es sogar ein Happy End. 46 Tage lang war das Journalisten-Startup Follow the Money im Sommer 2015 unterwegs, um ein Gemälde zu finden, das seit der Nazizeit verschollen war. Carolyn Braun und Kollegen gingen gemeinsam mit ihren Nutzern auf #Kunstjagd, sie berichteten per WhatsApp und Podcast, im Deutschlandradio Kultur und der “Süddeutschen Zeitung”. Eine multimediale Live-Recherche über den Verbleib des Bildes der jüdischen Familie Engelberg. Journalismus pur und zugleich inszeniert wie eine Netflix-Serie. Das Team fand schließlich ein Gemälde und brachte es dem Erben Steve Engelberg zurück.

Wie arbeitet Follow the Money – und lohnt sich eine solche Recherche für das acht Mitarbeiter starke, freie Team finanziell?

Carolyn Braun baut keine Illusionen auf: “Wenn ich unseren Verdienst auf einen Stundenlohn herunterrechne, kriege ich wahrscheinlich einen Heulkrampf”, sagt die 39-Jährige, fügt aber flugs an: “für uns ist das momentan in Ordnung so.” Follow the Money ist mehr als das einzelne Recherche-Projekt über das verschollene Kunstwerk. Es ist der wahr gewordene Wunsch einer Gruppe von Journalisten, eigene Geschichten umfassend und kreativ zu erzählen. Auch wenn die Teammitglieder parallel noch von anderen Aufträgen leben: die Vision, zwei Mal im Jahr auf die Reise zu gehen und aus Follow the Money ein permanent arbeitendes Recherchebüro zu machen, kann Realität werden.

Schrottfernseher FtMDie #Kunstjagd war das zweite Projekt für das Kernteam Carolyn Braun, Marcus Pfeil und Christian Salewski. Mit Felix Rohrbeck, inzwischen “Zeit”-Redakteur, verfolgten sie 2014 per GPS-Jagd die Spur von Schrottfernsehern nach Afrika, beobachteten den Weg des Elektromülls 77 Tage lang und berichteten multimedial – unter anderem in einer halbstündigen NDR-Reportage. Die Idee zu ihrer ersten Jagd, erinnert sich Carolyn Braun heute, entstand auch ein Stück weit aus Verzweiflung. Die deutsche “Financial Times” machte dicht, die Nachrichtenagentur dapd ebenfalls, andere Redaktionen strichen Stellen und Budgets. “Ich hatte damals den Eindruck, es gehe nur noch bergab im Mediengeschäft. Es wird immer schlimmer, es ist immer weniger möglich.”

Statt zu klagen, packten Braun und ihre drei Kollegen an. Sie sponnen Visionen, schlossen sich zu einem Team zusammen und gründeten die Follow the Money GbR. Carolyn Brauns Erfahrungen taugen dabei als Tipps für andere gründungswillige Journalisten.

1. Laut träumen
“Ich hatte den Wunsch, komplizierte Geschichten ausführlich zu erzählen”, sagt Braun. Vielen Journalisten geht das so, nicht alle setzen ihren Traum in die Tat um. Das ursprüngliche Vierer-Team traute sich aber, hatte teilweise schon früher zusammengearbeitet. So banal es klingt: Sich selbst klarzumachen, was man erreichen will, ist der erste notwendige Schritt.

2. Gucken, was geht
Follow the Money verfolgte das Prinzip Effectuation. Bezogen auf das Projekt bedeutete dies: Das Team setzte sich kein riesengroßes Ziel, dem es hinterherrannte. Es ging von den vorhandenen Mitteln aus und setzte alles daran, diese bestmöglich auszuschöpfen. Bei einem Crowdfunding gaben 169 Unterstützer rund 7.000 Euro für die Schrottfernseher-Recherche. Ungeplant kam nach Projektstart ein Stipendium der Augstein-Stiftung über 10.000 Euro hinzu. Und der NDR zahlte vor TV-Ausstrahlung Honorar für das Treatment zur Reportage. Diese vorhandenen Mitteln bestimmten den Umfang des Projekts maßgeblich mit.

3. Förderer finden
Kunstjagd-FtMFür das zweite Großprojekt #Kunstjagd warb Follow the Money vor Beginn der Recherche eine stattliche Zahl an Partnern. Der Bayerische Rundfunk, Deutschlandradio Kultur, “Süddeutsche Zeitung” und die “Rheinische Post” waren aus Deutschland dabei, der Schweizer Rundfunk SRF sowie der ORF und “Der Standard” aus Österreich. Carolyn Braun rät dazu, viele Partner zu finden und Monate für Bewerbung und Gespräche einzuplanen. Als die #Kunstjagd-Idee im Herbst 2014 reifte, kontaktierte das Team im Oktober über klassische “Kaltakquise” potenzielle Partner. Erst im Januar 2015 kam es zu persönlichen Treffen und gemeinsamen Vereinbarungen. Braun rät Kollegen, sich vorher genau über Strukturen und Machtverhältnisse in den Medienhäusern zu informieren – und im Kopf zu behalten, dass überall schon am Jahresende das Budget fürs Folgejahr verplant wird.

4. Sich selbst organisieren
Auch im besten Team haben nicht immer alle Mitglieder die selbe Meinung. Carolyn Braun empfiehlt deshalb – über ohnehin nötige Gesellschafterverträge hinaus – gemeinsame Ziele schriftlich festzuhalten und regelmäßig zu aktualisieren: “Ich glaube viele Journalisten sagen sich: ‘Ach, ich mache da was mit Freunden und wir wollen alle dasselbe.’ Aber das ist nicht immer so. Im Team entstehen mal Meinungsverschiedenheiten und es entstehen Missverständnisse. Deshalb ist es gut, wenn man ein paar Regeln aufgeschrieben hat.”

Die Journalisten bekamen täglich bis zu 50 WhatsApp-Nachrichten mit Tipps und Fragen.

Die Journalisten bekamen täglich bis zu 50 WhatsApp-Nachrichten mit Tipps und Fragen.

Ist diese oft lästige Pflicht geschafft, folgt endlich die Kür. Und die sollte sich im Falle der #Kunstjagd jeder Journalist zur Inspiration anschauen, anhören und durchlesen. Für ihre Recherche nutzte das Follow-the-Money-Team einerseits zahlreiche Wege, mit Publikum und Tippgebern interagieren zu können. Andererseits ließen sie keinen medialen Ausspielweg aus, ihre Recherchen zu verbreiten. Es entstanden Print- und Onlineartikel, Fernseh- und Radiobeiträge, Berichterstattung über WhatsApp, Facebook, Twitter und Instagram sowie Podcasts und eine Ausstellung im Jüdischen Museum München. “Viele Kanäle bedeuten auch mehr Reichweite und dadurch mehr potenzielle Finanzierungspartner”, sagt Carolyn Braun.

Was dem Team jedoch noch schlecht gelang, war ein Storytelling über die unterschiedlichen Kanäle hinweg. Multimedial war die Jagd, transmedial noch nicht wirklich. Jene 766 Nutzer, die die #Kunstjagd über WhatsApp-Nachrichten verfolgten, waren in der Regel ausschließlich bei WhatsApp dabei. “Durch WhatsApp haben wir aber auch Aufmerksamkeit von unserer Facebook-Seite abgezogen”, sagt Braun. Follow the Money hat sich viel aufgebaut, inzwischen den Ernst-Schneider-Preis, einen Lead Award und den CNN Journalist Award gewonnen. Aber sie haben vor allem viel gelernt – für die nächsten Recherchen, die kommen werden.

Hier geht es zur 42-minütigen Reportage über die #Kunstjagd.

  • Über Jens Twiehaus

    Jens Twiehaus ist freier Medienjournalist in Berlin, studierte Politik und volontierte bei der inzwischen bankrotten Nachrichtenagentur dapd. Er schreibt für „medium magazin“, „Kressreport“ und „turi2“, führt außerdem Video-Interviews. Twitter: @JensTwiehaus

    Alle Beiträge von

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.