20.11.2015

Kommentar: Wieso wir Wikipedia vielleicht Geld, vor allem aber Wissen spenden sollten

Wikimedia bittet wie jedes Jahr um Spenden. Besonders wir Journalist*innen können von den Vorzügen der Online-Enzyklopädie profitieren. Deswegen sollten wir ihr etwas zurückgegeben, vor allem unser Wissen.

Wikipedia Spenden

Jedes Jahr im November startet die große jährliche Spendenkampagne von Wikimedia.

Seit einigen Tagen schiebt sich ein großer Werbebanner von oben auf jeden einzelnen Wikipedia-Artikel. Die globale Wikimedia-Stiftung und der deutsche Wikimedia-Verein bitten in ihrer jährlichen Herbstkampagne um Spenden. 2014 kamen so allein aus Deutschland mehr als 8 Millionen Euro zusammen. Die Gelder der Kampagne werden nach einem komplizierten Schlüssel zwischen Stiftung und nationalen Projekten aufgeteilt. Wikimedia Deutschland finanziert damit unter anderem ein 80-köpfiges Team.

Wikipedia als idealer Recherche-Einstieg
Kaum eine Berufsgruppe dürfte so sehr von den Vorzügen des digitalen Wissensspeichers profitieren wie wir Journalist*innen. Regelmäßig arbeiten wir uns in neue Themen ein. Am Anfang soll ein möglichst breites Bild stehen, das dann durch gezielte Recherchen vertieft wird. Für den Einsteig eignet sich Wikipedia so gut wie kein anderes Medium.

Mittlerweile haben die Inhalte ein hohes Niveau erreicht. Die Artikel sind oft umfangreich, die Themenauswahl ist breit. Und anders als in Anfangszeiten haben Vandale und Trolle heute schlechte Chancen. Dafür sorgt das 2008 in der deutschsprachigen Wikipedia eingeführte Prinzip der Vorab-Zensur. Änderungen in Artikeln werden seitdem erst übernommen, wenn sie von User*innen mit einem besonderen Status freigeschaltet werden. Zudem müssen verwendete Informationen stets mit Quellen belegt werden, die als Fußnoten unter jeden Artikel kommen. Wikipedia kann auch als große, menschlich kuratierte Linksammlung dienen.

Bei einem verantwortungsvollen Umgang ist Wikipedia deswegen ein nützlicher Begleiter für die journalistische Arbeit. Die Enzyklopädie bietet einen zeitsparenden und breiten Einstieg in eine Recherche und ist in dieser Funktion allen anderen Online- und Offline-Quellen überlegen.

Wissen für Wikipedia
Deswegen sollten wir vielleicht Geld spenden, vor allem aber Wikipedia auch unser Wissen zur Verfügung stellen.

Dass wir als Journalist*innen uns immer wieder neues Wissen zu neuen Themen aneignen müssen, macht uns zu einem dankbaren Publikum der Enzyklopädie, allerdings auch zu idealen Autor*innen. Wir werden im Laufe von Recherchen im Idealfall zu Expert*innen für komplexe Themen, bemühen uns um ein ausgeglichenes Bild, haben privilegierten Zugang zu Informationen und unterscheiden kritisch zwischen soliden und halbseidenen Quellen. Ein Teil dieses umfangreichen, soliden und aktuellen Erkenntnis-Schatzes könnten wir der Online-Enzyklopädie ab und zu zur Verfügung stellen.

Wikipedia-Seuche PR
Und wir könnten dabei helfen, das wohl größte Problem von Wikipedia zu lösen: PR-Inhalte, die bezahlte Autor*innen regelwidrig in Wikipedia einschmuggeln. In einer Studie für die Otto-Brenner-Stiftung kam der Journalist und torial-Autor Marvin Oppong zum Schluss, dass es ein sehr ernstes Problem gibt: “PR und Manipulation sind in Wikipedia allgegenwärtig.”

Das perfide ist, dass PR eigentlich nur auffällt, wenn besonders ungeschickt vorgegangen wurde. In den publik gewordenen Fällen wurden Inhalte von Unternehmens- oder Partei-Rechnern aus bearbeitet, und die Autor*innen hatten sich kein Profil zugelegt. In solchen Fällen wird die verräterische IP-Adresse des Rechners angezeigt, mit der sich die Herkunft rekonstruieren lässt. Das Vorgehen war leicht durchschaubar. Es wurden sehr einseitige Passagen hinzugefügt oder offensichtlich relevante Informationen gelöscht.

Anders sieht es aus, wenn PR-Abteilungen oder spezialisierte Agenturen über Wikipedia-Knowhow verfügen. Bei angemeldeten Nutzer*innen wird das verwendete Pseudonym und nicht mehr die IP-Adresse angezeigt. Nur eine kleine Gruppe innerhalb der Wikipedia-Hierarchie hat dann in begründeten Verdachtsfällen Zugriff auf die IP-Adressen. Und gehen Leute nicht mit der Holzhammer-Methode vor, sondern begründen Änderungen unter Bezugnahme auf die Wikipedia-Logik, haben ihre PR-Manipulationen deutlich bessere Chancen. Schaffen sie es dann noch, sich in der Wikipedia-Hierarchie nach oben zu arbeiten, können sie sogar kritische Beiträge ehrlicher Autor*innen verhindern.

Wie viele und welche Artikel zu Medikamenten, zu Dax-Konzernen, zu Parteien oder gar zu politischen Konzepten wurden manipuliert? Es gibt Methoden, verdächtige Wikipedia-Accounts oder besonders anfällige Themen zu identifizieren. Die bekannt gewordenen PR-Fälle sind dennoch nur die Spitze des Eisbergs, und wir wissen noch nicht einmal annähernd, wie groß der Eisberg ist.

Gemeinsam gegen Manipulationen
Würden mehr von uns in ihrer Freizeit an Wikipedia mitwirken, hätten die bezahlten PR-Schreiberlinge es deutlich schwerer. Ihnen würde eine Crowd an unabhängigen und gut informierten Journalist*innen entgegentreten, die zudem regelmäßig Wikipedia-Artikel abfragen. Uns würden Falschdarstellungen, fehlende kritische Informationen oder Lobhudeleien auf Produkte oder Unternehmen schnell auffallen.

Wir bekommen viel von Wikipedia. Geben wir auch etwas zurück. Vielleicht könnte sich jeder von uns überlegen, wie viel Zeit wir pro Monat beruflich mit Wikipedia-Artikeln verbringen. Überlegen wir uns, wie viel Zeit wir aufwenden müssten, um uns einen vergleichbaren Überblick anderweitig zusammenzusuchen.

Und wenden wir einen Bruchteil dieser Zeit auf, um selbst etwas beizutragen: wir fügen einen aktuellen Aspekt in einem Artikel hinzu, legen auch mal einen fehlenden Eintrag neu an und legen uns vor allem ins Zeug, wenn wir merken, dass bei einem Artikel vielleicht dann doch nicht alles mit rechten Dingen zugeht.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in: Dynamik am Markt, JOURNALISMUS & NETZ

2 Kommentare zu diesem Artikel


  1. Benjamin Linsner

    Ich finde es äußerst gefährlich, Wikipedia als Hilfsmittel für Journalisten zu bezeichnen. Während meines Journalistik-Studiums auf der macromedia Hochschule, wurde in Vorlesungen ausführlich über das Thema Recherchequellen referiert. Bereits im 1. Semester wurde uns Studenten eingetrichtert, Wikipedia nie als Quelle zu nutzen.

    Wenige Jahre später hatte ich einen E-Mail-Wechsel mit einer Autorin eines großen deutschen Nachrichtenmagazins. In einem Beitrag über die deutsche Kolonialzeit erwähnte sie die namibische Stadt Swakopmund als große Hafenstadt.

    Ich selbst habe drei Monate in diesem Land gelebt und weiß, dass es in Swakopmund nie einen größeren Hafen gegeben hat (während der Kolonialzeit wurde lediglich die Landungsbrücke “Jetty” gebaut, welche aber nie in regelmäßigem Betrieb war). Swakopmund war zwar eine große Handelsstadt, aufgrund der Nähe zu den Diamantmienen und dem Sitz der Wörmann-Handelsgesellschaft. Allerdings wurden alle Waren zunächst mit kleineren Schiffen transportiert, um schließlich in anderen Häfen umgeladen zu werden. Warum? Swakopmund liegt in einer Bucht, welche regelmäßig versandet.

    Aber ich schweife ab … Fakt ist: Die nächste Stadt mit einem größeren Hafen ist Walfisch Bay, welche zur Kolonalzeit unter Britischer Herrschaft stand. Bis zum 1. Weltkrieg gab es ein Abkommen, dass den Deutschen die Nutzung des dortigen Hafens ermöglichte. Daher hatte Deutschland die Kolonie Süd-West im 1. Weltkrieg auch rasch verloren. Die deutschen Truppen konnten mit ihren Schiffen nicht mehr direkt an der Kolonie anlanden.

    Kurz um: In einer meiner E-Mails bat ich die Autorin um Nennung der Quelle. Ich wollte wissen, woher sie die Informatino hatte, in Swakopmund sei ein großer Hafen gewesen. Ihre Antwort lautete schlicht: Wikipedia.

    • Wie man Wikipedia NICHT nutzen sollte, wird einem in Schule und Hochschule meist erzählt. Das ist aber meiner Meinung nach nur ein Teil der Geschichte. Spannender find ich die Frage, wie man die Online-Enzykloädie sinnvoll und gewinnbringend für sich nutzen KANN.

      Wenn man einigermaßen kritisch mit Wikipedia umgeht, taugt sie eben doch als Hilfsmittel. Allein schon, weil alle Fakten eigentlich immer in Fußnoten mit Quellen belegt werden müssen.

      Wie es mir scheint, war das Problem wohl eher, dass die Autorin zwar bei einem großen deutschen Nachrichtenmagazin gearbeitet hat, das Einmaleins der Online-Recherche aber nicht kannte: dass man nämlich Wikipedia durchaus als Startpunkt verwenden kann, die im Artikel verwendeten Fakten aber stets noch einmal sauber überprüfen sollte :)



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