01.10.2015

“Frauen stehen in der Medienbranche alle Türen offen”

Frauen sind in den digitalen Medien immer noch unterrepräsentiert. Oder doch nicht?  Wir haben mit Carolin Neumann von den Digital Media Women über Gleichberechtigung, Chancen und die berühmte gläserne Decke gesprochen. Außerdem stellen wir 10 der einflussreichsten und inspirierendsten Medienmacherinnen in Deutschland vor.

Carolin Neumann ist Mitbegründerin von Digital Media Women (#DMW), einem gemeinnützigen Verein, der sich als Branchennetzwerk für Digitale Medienmacherinnen versteht. Das Ziel der Plattform ist es, die Sichtbarkeit von Frauen in der digitalen Branche zu erhöhen und den Austausch von Gleichgesinnten zu fördern. Neumann ist selbst freie Autorin und fördert als Innovationsschürferin journalistisches Talent und digitale Journalismusprojekte.

Wir haben mit ihr über ihre Einschätzung der aktuellen Situation der Frauen in der Medienbranche und die Hürden für Journalistinnen gesprochen, wie ihre Vereinsarbeit abläuft und was Leserinnen selbst tun können, um Gleichberechtigung in der Medienwelt voranzubringen.

Wie schätzt ihr von Digital Media Women die aktuelle Situation von Frauen in der (digitalen) Medienbranche ein?

Neumann: Frauen stehen in der Medienbranche alle Türen offen, soweit die gute Nachricht. Tatsächlich gibt es aber ab einer bestimmten Ebene in vielen, vielen Unternehmen immer noch die berühmte gläserne Decke, die Frauen dann doch am Weiterkommen hindert. Ähnliches gilt beim Thema Sichtbarkeit: In der Wahrnehmung von Veranstaltern und Journalisten sind häufig vor allem Männer präsent. Das führt dann dazu, dass auf den Bühnen noch immer keine Ausgeglichenheit herrscht und gerne mal zehn Experten zu einem Thema befragt werden, während weibliche Stimmen unter den Tisch fallen. Grundsätzlich aber hat sich in den letzten Jahren das Bewusstsein für Sichtbarkeit und Aufstiegschancen sehr verändert. Davon profitieren die Frauen, die die Chancen ergreifen.

Welche Hürden – aber auch Möglichkeiten – gibt es für Frauen in der Branche im Vergleich zu anderen Bereichen?

Neumann: Ich finde die Vorteile spannender als etwaige Hürden: Wann immer das Internet in einem Beruf eine Rolle spielt – wie im Wirtschaftszweig Medien zum Beispiel -, gibt es Vorteile, die Frauen für sich nutzen können: Das Netz macht ortsunabhängiges Arbeiten möglich, das ist besonders für Mütter spannend. Es bietet Selbständigen und Unternehmer/-innen neue Möglichkeiten, mit digitalen Produkten Geld zu verdienen. Eine Spezialisierung ist außerdem eine tolle Gelegenheit für den Wiedereinstieg in den Job. Und wer selbst Unternehmer/-in ist, braucht schließlich nicht auf die Beförderung durch andere zu hoffen.

Wie läuft die Arbeit in eurem Verein ab, welche Unterstützung könnt ihr Frauen in der Branche bieten?

Neumann: Die Digital Media Women sind digital für alle aktiv: Frauen, aber auch Männer können Mitglieder in unserer Community werden, in der ein wirklich großartige Austausch zwischen mehr als 4.000 Menschen stattfindet. Hier erhalten Frauen zum Beispiel spannende Zugänge zu Digitaljobs, aber wir diskutieren auch auf sehr hohem Niveau über Ungerechtigkeiten in der Branche. Außerdem haben wir fünf sogenannte Quartiere (Berlin, Hamburg, Köln, München, Rhein-Main), organisiert von rund 60 großartigen Organisator/-innen. Wir veranstalten Netzwerk-Treffen, Fachvorträge von spannenden Speakerinnen oder Weiterbildungsveranstaltungen. Die lokale Arbeit ist das Herz der #DMW!

Was kann man als Leser/-in tun, um bewusst die Gleichberechtigung in der Branche zu unterstützen?

Neumann: Tolle Frauen sichtbar machen: durch Tweets, Blogbeiträge, Interviews, Facebook-Posts. Hauptsache, Vorbilder verbreiten sich. Das ist viel wichtiger, als sich zum Beispiel öffentlich darüber aufzuregen, wenn mal wieder eine Die-zehn-wichtigsten-Dies-oder-Das-Liste ohne Frauen durchs Netz kursiert.

 

In diesem Sinne: die Top 10 deutscher Medienmacherinnen in der Galerie:

<b>Aliz Tepfenhart, Geschäftsführerin der Burda Digital Holding</b>
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Seit Mai 2015 ist Aliz Tepfenhart  Geschäftsführerin von Burda Digital Holding. Davor arbeitete sie für die Otto Group und war Geschäftsführerin des Baur Versands. Von 1998 bis 2009 war sie in der Quelle-Gruppe tätig. Zu ihren Stationen zählten die alleinige Geschäftsführung in Rumänien, Ungarn und Kroatien, sowie die Leitung für Marketing und E-Commerce von Küchen Quelle. Unter dem Dach von Burda Digital Holding bündelt sie nun die überwiegend auf B-to-C ausgerichteten Digitalunternehmen und -marken des Unternehmens. Dazu gehören u.a. Xing, Chip, HolidayCheck, Elitepartner und Focus Online. <b>Dr. Joana Breidenbach, Gründerin Betterplace</b><br><br>

Dr. Joana Breidenbach ist eine der Gründerinnen von Betterplace, Deutschlands größter Spendenplattform und Leiterin des Betterplace Lab, dem Think-and-do-Tank der Organisation. Das Betterplace Lab forscht darüber, wie digitale Medien die Gesellschaft verändern. Joana studierte in München und promovierte in Berkeley über deutsche 
Kulturmuster. Nebenher schreibt Sie Bücher über Kultur und Globalisierung, arbeitet als Journalistin und berät unter anderem das Bundeskanzleramt sowie das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.
<b>Donata Hopfen, Vorsitzende der Verlagsgeschäftsführung der Bild- Gruppe bei Axel Springer</b><br><br>

Bei der Bild hat Donata Hopfen  eine Schlüsselposition: Seit April 2014 ist sie Verlagsgeschäftsführerin der Bild-Gruppe, unter ihrer Leitung sollen alle Digital- und Print-Aktivitäten der Bild-Gruppe eng miteinander verzahnt werden. Zuvor war Hopfen als Geschäftsführerin der Bild Digital GmbH für den Ausbau der digitalen Aktivitäten verantwortlich. Ihre Leidenschaft für elektronische Medien entdeckte sie im Jahr 2000 bei der Unternehmensberatung Accenture, eine der weltweit größten Managementberatungs-, Technologie- und Outsourcing-Dienstleister. Davor studierte sie Betriebswirtschaft. <b>Susann Hoffmann und Nora-Vanessa Wohlert - Edition F</b><br><br>

2014 riefen  Nora-Vanessa Wohlert  und Susann Hoffmann  die EDITION F ins leben: Ein Business-Web-Magazin für Frauen, dass sich schon jetzt,ein Jahr nach Gründung, größter Beliebtheit erfreut und dazu beiträgt, Frauen in Digital Media besser zu vernetzen. Die beiden Freundinnen lernten sich bei der gemeinsamen Arbeit für Gründerszene kennen, davor studierte Wohlert Publizistik, Politik und Islamwissenschaften und absolvierte ein Volontariat bei fischer Appelt. Susann Hoffmann war nach dem Theaterwissenschaft- und Germanistik-Studium fast fünf Jahre in der Strategie und PR-Beratung bei Scholz & Friends bevor sie beschloss, selber zu gründen.<br><br>

Susann Hoffmann schätzt die Situation von Frauen im digitalen Journalismus ambivalent ein - und erkennt positive Entwicklungen in Teilen der Branche: „Ich glaube, das Thema Journalismus und Gleichberechtigung' muss man immer noch in zwei Bereiche unterteilen: In den etablierten Medien ist die Frauenquote gerade in den Chefredaktionen noch immer viel zu klein und oft merkt man das den Medien auch an. Auf der anderen Seite gibt es im Independent-Umfeld viele tolle und erfolgreiche Projekte von Frauen – da kann man an Crowdspondent, die Korrespondentin, HeyWomen, Femtastics oder eben auch an uns denken. Dass diese Projekte erfolgreich sind zeigt, dass es für die weibliche Perspektive einen relevanten Markt gibt, was letztlich hoffentlich auch bei den etablierten Medien in den kommenden Jahren zu einem authentisches Umdenken führen wird. Sheryl Sandberg sagt: „Sit at the table.“ – ich bin sicher damit meint sie auch die Tische in der Redaktionskonferenz.“
<b>Caroline Drucker, Head of International Brand Communication bei Etsy</b><br><br>

Caroline Drucker  ist eine durch und durch internationale Digital Frau. Nachdem die Kanadierin VICE in Deutschland mit aufbaute, arbeite sie für das DUMMY Magazin, entwickelte die Digitalstrategie für den Freitag und wurde dann Marketing Managerin bei Soundcloud. Danach wurde sie Deutschland-Chefin des Online-Marktplatzes für Selbst gemachtes, ETSY , und übernahm bald die internationale Markenkommunikation des Unternehmens. Nun verlässt sie Etsy nach 15 Jahren in Berlin und wird Strategic Partner Development  für Europa, den Mittleren Osten und Afrika bei Instagram in London. Die Feministin hält erfolgreich Vorträge darüber, wie man mehr Frauen in den Techbereich zieht und spricht regelmäßig als Speakerin auf Konferenzen und Messen. <b>Katharina Borchert, Geschäftsführerin bei Spiegel Online</b><br><br>

Katharina Borchert ist seit 2010 Geschäftsführerin bei Spiegel Online. Hier gestaltet sie den Medienwandel im digitalen Zeitalter entscheidend mit. Sie ist außerdem Mitglied des Presserats und wurde vom World Economic Forum als Young Global Leader ausgezeichnet.
Vor Beginn ihrer Karriere studierte Borchert Jura und Journalistik an den Universitäten Hamburg und Lausanne. Als freie Autorin schrieb sie unter anderem für die FAZ, Die Welt und c’t. 2002 startete sie ihren eigenen Blog Lyssas Lounge, den sie bis 2007 betrieb und der einer der erfolgreichsten deutschen Blogs der Nuller Jahre war. 2007 wurde sie zur Geschäftsführerin der WAZ NewMedia GmbH befördert und verantwortete das gesamte Online-Geschäft der Mediengruppe.
<b>Eva-Maria Bauch, Geschäftsführerin Gruner +  Jahr Digital Products</b><br><br>

Eva-Maria Bauch ist seit 2013 Geschäftsführerin bei Gruner +Jahr Digital Products, wo der der Verlag im September vergangenen Jahres sein Digitalgeschäft zentralisiert hat. Zuvor hatte sie das europäische Verbraucherportal ciao.com gegründet und war Geschäftsführerin und CEO beim RTL-Tochterunternehmen Wer-kennt-wen.de. Zuvor zeichnete sie für die Digitalaktivitäten bei Axel Springer und Bauer Media verantwortlich. Zwischen 2005 und 2007 sammelte sie Erfahrungen als Verlagskoordinatorin der Verlagsgeschäftsführung der Zeitungsgruppe Hamburg, darin enthalten u. a. das Hamburger Abendblatt . Sie studierte Informatik an der Technischen Universität München, als das noch ziemlich wenige Frauen gemacht haben. <b>Juliane Leopold, Chefredakteurin BuzzFeed Deutschland</b>
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Juliane Leopold ist seit 2014 die Gründungschefredakteurin von BuzzFeed Deutschland. Die 31-Jährige will zeigen, wie moderner Journalismus  in Deutschland aussehen kann. Vor BuzzFeed studierte  sie Publizistik, Kommunikationswissenschaft und Filmwissenschaft in Berlin, arbeitete bei der schweizerischen Adressplattform Local, für die Neue Zürcher Zeitung, den Freitag und schließlich als Social Media-Redakteurin  für die ZEIT und ZEIT ONLINE. Ihr Wechsel von einem so etablierten Verlag zu einem Start Up inspirierte die Digital-Media Community. Juliane Leopold tritt auf zahlreichen Messen als Speakerin zu Innovation im Journalismus auf. Das Medium Magazin kürte sie zur einer der Top 3 Newcomer_innen des Jahres 2015.

Für Leopold ist das bestehende Gender Pay Gap einen zentraler Aspekt für die Gleichberechtigung. Sie fordert: „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit: Das ist in den Digitalunternehmen deutscher Medienhäuser oft noch nicht der Fall. So lange das so ist, gibt es keine Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen.“
<b>Kirsten Fiedler, Managing Director bei European Digital Rights</b><br><br>

Kirsten Fiedler ist Managing Director der europäischen NGO European Digital Rights (EDRi.org) in Brüssel, eine Organisation, die 35 Bürgerrechtsorganisationen aus 21 europäischen Ländern vertritt - das Ziel: Aktivismus für digitale Bürgerrechte in ganz Europa zu stärken und die verschiedenen Organisationen besser vernetzen. Sie ist Mitglied des Digitale Gesellschaft e. V., des CCC und der belgischen NURPA. Davor studierte sie European Studies in Großbritannien, Frankreich und Deutschland. Auf ihrem Blog Vasistas bloggt sie über digitale Bürgerrechte und Themen wie Netzneutralität, Meinungsfreiheit oder Datenschutz.

Im Hinblick auf das Thema Gleichberechtigung sieht Fiedler noch viel Handlungsbedarf: „Da ist gewiss noch einiges zu tun. Wichtig ist heute jedoch auch, dass wir nicht weitere Baustellen in Sachen Gleichstellung entstehen lassen und alle - unabhängig von finanzieller oder sozialer Lage - an der Digitalisierung und digitalen Medien teilhaben können, dass niemand auf der Strecke bleibt.“
<b>Julia Jäkel, Chief Executive Officer Gruner + Jahr</b><br><br>

Julia Jäkel, geboren 1971, studierte in Heidelberg, Harvard und Cambridge Geschichte, Politikwissenschaften und Volkswirtschaft. Ihre Karriere begann sie 1997 im Zentralen Nachwuchsprogramm bei Bertelsmann, Ende der 90er Jahre gehörte sie zum Gründungsteam der Financial Times Deutschland, 2004 übernahm sie die Verlagsleitung der Brigitte. Heute ist sie CEO bei Gruner + Jahr – mit der Aufgabe, den Zeitschriftenverlag in einer radikal veränderten Medienlandschaft neu aufzustellen.
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Susann Hoffmann und Nora-Vanessa Wohlert - Edition F

2014 riefen Nora-Vanessa Wohlert und Susann Hoffmann die EDITION F ins leben: Ein Business-Web-Magazin für Frauen, dass sich schon jetzt,ein Jahr nach Gründung, größter Beliebtheit erfreut und dazu beiträgt, Frauen in Digital Media besser zu vernetzen. Die beiden Freundinnen lernten sich bei der gemeinsamen Arbeit für Gründerszene kennen, davor studierte Wohlert Publizistik, Politik und Islamwissenschaften und absolvierte ein Volontariat bei fischer Appelt. Susann Hoffmann war nach dem Theaterwissenschaft- und Germanistik-Studium fast fünf Jahre in der Strategie und PR-Beratung bei Scholz & Friends bevor sie beschloss, selber zu gründen.

Susann Hoffmann schätzt die Situation von Frauen im digitalen Journalismus ambivalent ein - und erkennt positive Entwicklungen in Teilen der Branche: „Ich glaube, das Thema Journalismus und Gleichberechtigung' muss man immer noch in zwei Bereiche unterteilen: In den etablierten Medien ist die Frauenquote gerade in den Chefredaktionen noch immer viel zu klein und oft merkt man das den Medien auch an. Auf der anderen Seite gibt es im Independent-Umfeld viele tolle und erfolgreiche Projekte von Frauen – da kann man an Crowdspondent, die Korrespondentin, HeyWomen, Femtastics oder eben auch an uns denken. Dass diese Projekte erfolgreich sind zeigt, dass es für die weibliche Perspektive einen relevanten Markt gibt, was letztlich hoffentlich auch bei den etablierten Medien in den kommenden Jahren zu einem authentisches Umdenken führen wird. Sheryl Sandberg sagt: „Sit at the table.“ – ich bin sicher damit meint sie auch die Tische in der Redaktionskonferenz.“
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  • Über Morgane Llanque

    Morgane Llanque ist freiberufliche Journalistin, lebt und arbeitet in Berlin. https://www.torial.com/morgane.llanque

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