20.08.2015

„Laßt uns doch mal eine Drohne einsetzen!“

Drohnen bzw. Multicopter spielen auch im Journalismus eine zunehmend größere Rolle. Was es zu beachten gibt und welche Einsatzbereich noch unausgeschöpft sind, verrät Journalist  und Copter-Blogger Max Ruppert.

“Lasst uns doch mal eine Drohne einsetzen”: Diesen etwas bedrohlich klingenden Vorschlag hört man immer öfter in den Redaktionskonferenzen der Republik. Drohnen bzw. Multicopter sind inzwischen auch bei Journalist_innen bekannt und beliebt. Im Tatort oder Polizeiruf liefern sie schon seit Jahren rasante Bilder von Verfolgungsjagden oder eindrucksvolle Perspektiven auf die Stadt und kommen dabei näher an die Protagonisten heran als jeder Helikopter. Öffentlich-rechtliche Anstalten und private Sender haben inzwischen einige Produktionsfirmen an der Hand, die Luftbilder mit ihren Coptern anbieten. Im filmischen Bereich sind Copterbilder mittlerweile Standard, und auch im journalistischen Bereich kommen sie immer öfter zum Einsatz. Dennoch wissen viele Journalist_innen noch nicht genau, was sie alles tun müssen, wenn sie die fliegenden Kameras einsetzen wollen.

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Nach der Idee fängt die Arbeit erst richtig an


Nach dem ersten Impuls, einen Kameracopter einzusetzen, fängt die Arbeit aber erst richtig an. Leider geht dann die Vorstellung über den narrativen Einsatz der Technologie oftmals nicht über ein „Wir zeigen das einfach mal von oben“ hinaus. Das führt dann zu Schnittbildern aus der Luft, die auch mit anderen Mitteln (Kran, Leiter, hohes Gebäude) realisiert werden können. 

Die gedankliche und planerische Arbeit für einen sinnvollen und innovativen Einsatz verlangt einiges mehr. Journalist_innen, die einen Copter einsetzen wollen, sollten sich immer im Klaren sein, warum sie ihn brauchen und wie sie die Technologie und die darin steckenden visuellen Erzählmöglichkeiten einsetzen können. Dabei sollten Sie über den üblichen Stadtrundflug hinausdenken. Hier einige Anregungen:

1. Geflogene Moderationen: Der/die Moderator_in spricht den Moderationstext nur in die fliegende Kamera, die sich dabei bewegen kann und z.B. als Überleitung zum nachfolgenden Beitrag das erste thematische Bild liefert (Ein riesiges Rapsfeld von oben, am Ende die Anmoderation und als Anfang für den Beitrag über Bio-Kraftstoffe).

2. Perspektivenwechsel auch auf der Erzählebene vollziehen: Versuchen Sie doch mal, selbst zu fliegen, in Ihrem Beitrag. Nehmen sie ganz konsequent die Ich-Perspektive ein und erzählen sie Ihren Zuschauern, was Sie während des Fluges erleben und warum Sie wohin fliegen.

3. Einzigartigkeit: Überlegen Sie sich, welche Szenen oder welches Format nur mit dieser Coptertechnologie zu realisieren ist und nicht auch mit einer Steadycam, aus einem Auto oder mit einem Kran gemacht werden können.

Wenn Sie sich diese Fragen gestellt und beantwortet haben, sind Sie nah dran an einem durchdachten, innovativen Einsatz der Technologie. Dann kommt der organisatorische Teil.

An der Luftfahrtbehörde kommt man nicht vorbei

Gerade im Organisatorischen gibt es einige Fallstricke: Im News-Bereich z.B. ist der Einsatz von Coptern ganz spontan und aktuell so gut wie nicht möglich. Der Aufstieg von Multicoptern ist in Deutschland (und den Nachbarländern) streng geregelt. Man benötigt eine Aufstiegsgenehmigung, die von der obersten Luftfahrtbehörde des jeweiligen Bundeslandes ausgestellt wird. Flüge über Unfallorte oder in Katastrophengebieten sind erst einmal verboten. 
Der Boom bei den fliegenden Systemen in den letzten Jahren hat außerdem dazu geführt, dass die Bearbeitungszeit für die Genehmigungen inzwischen mindestens zwei Wochen dauert. Redaktionen sollten daher folgende fünf Punkte für die Planung beachten:

1. Planen Sie zwei bis drei Wochen vorher den Einsatz und recherchieren Sie, welche Art von Genehmigung sie benötigen. In Städten ist oftmals (wie z.B. in Baden-Württemberg) eine Einzelaufstiegsgenehmigung erforderlich, die z.B. genaue Startkoordinaten und geplante Aufstiegszeiten verlangt.

2. Planen Sie auch die Kosten hierfür ein. Eine Einzelgenehmigung kann zwischen 60 und 80 € kosten.

3. Bemühen Sie (oder die Produktionsfirma) sich rechtzeitig um die Aufstiegsgenehmigung.

4. Haben Sie vom Eigentümer des Grundes die Erlaubnis, dort zu starten, wo Sie starten wollen?

5. Wie frequentiert ist der Einsatzbereich? Sind evtl. zusätzliche Absperr- und Informationsmaßnahmen für Ihren Dreh nötig?

Die Gefahr beim Einsatz der Technologie ist immer, dass jemand verletzt wird. Es handelt sich um fliegende Technik, um bis zu fünf Kilogramm schwere Systeme mit Kameras und Aufbauten, die aus dem Himmel fallen können. Deshalb sind auch die entsprechenden Sicherheitsvorkehrungen unerlässlich. Da oft schnell und unüberlegt gehandelt, bzw. geflogen wird, passieren immer wieder Unfälle – wie z.B. neulich in Berlin, als eine Kameradrohne auf einen Touristen stürzte.

Solche Unfälle und die Berichterstattung darüber sorgen dafür, dass die gesetzlichen Regelungen in Zukunft wohl eher strenger, als lockerer werden. 

Auch mit einer Aufstiegsgenehmigung dürfen Sie nicht über Menschen fliegen, weil immer Absturz- und Verletzungsgefahr besteht. Ein Einsatz direkt über einem Konzertpublikum oder einer Demo ist damit so gut wie ausgeschlossen. Es gibt natürlich Möglichkeiten, diese Events trotzdem aus der Luft einzufangen, aber nur aus sicherer Entfernung.

Das alles hört sich zwar kompliziert an, jedoch hat es hat auch etwas für sich, dass der Einsatz eigentlich ziemlich klar geregelt ist. In den USA mangelt es derweil noch an klaren Regeln: Hier gibt es derzeit so etwas wie ein Moratorium für den Copter-Einsatz, weil die oberste Luftfahrtbehörde (FAA) dort erst eine neue gesetzliche Grundlage für den zivilen Einsatz der Technologie erarbeitet. Nach dem Vorschlag der FAA sollen künftig Drohnen, die weniger als 25 Kg wiegen, bis zu 150 Meter hoch und bis zu 160 Km/h schnell fliegen dürfen – für den privaten und kommerziellen Gebrauch von registrierten “Operators” eingesetzt werden dürfen. Neben CNN haben auch weitere Medienhäuser wie Reuters, die New York Times, die Washington Post und Getty Images großes Interesse an einer Neuregelung angekündigt. An der Virginia Tech Universität in Bealeton sollen die Möglichkeiten von Drohneneinsätzen in verschiedenen Situationen und Gebieten getestet werden.

Innovation durch fliegende Sensoren


Obwohl sich die Copter inzwischen also auch im Bewegtbildjournalismus durchsetzten, gibt es immer noch zahlreiche neue Felder, die beackert werden können: Vor allem im Bereich des Datenjournalismus ist die Technologie sehr interessant. Warum nicht mal Sensoren wie Geigerzähler oder Feinstaubmesser an den Copter schrauben und mit eigenen Messwerten die Angaben von Energiekonzernen oder Stadtverwaltungen überprüfen? Hier liegen noch viele Möglichkeiten in der Luft.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in: JOURNALISMUS & TECHNIK, Produzieren
  • Über Max Ruppert

    Max Ruppert ist Journalist und Copter-Blogger und schreibt u.a. für das Blog www.volledrohnung.de.

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2 Kommentare zu diesem Artikel


  1. Etwa hier hab ich im Text aufgehört zu lesen: “…Journalist_innen”

  2. Kleine Anmerkung:
    Virginia tech ist in Blacksburg nicht bealeton. Die Forschung wird in Bealeton durchgeführt MIT beteiligung von VT. Aber das gebäude gehört nicht zur universität.


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