14.05.2015

Distributed Content: Wie Medien ihre Unabhängigkeit im Silicon Valley abgeben

Medien tendieren aktuell dazu, ihre Inhalte direkt über soziale Netzwerke zu publizieren – und auf ihre eigenen Plattformen zu verzichten. Das bietet viele Chancen – aber noch mehr Risiken, wie Tobias Gillen zeigt.

CC-BY-SA 2.0 by eston

CC-BY-SA 2.0 by eston

Was ist das Problem von Meerkat, dieser Livestreaming-App, über die wir hier bereits berichtet haben? Richtig: Meerkat hat sich auf Twitter verlassen, als man das Konzept auf den Kurznachrichtendienst ausgelegt hat. Es wurde mit Twitters Schnittstellen gearbeitet, sie wurden zum Hauptbestandteil der App. Und dann? Hat Twitter es sich anders überlegt.

Der Rest ist Geschichte und schnell erzählt: Twitter hat Meerkat-Konkurrent Periscope gekauft, Meerkats Grundfunktionen ausgesperrt und zieht die Nutzer seither überwiegend zu seinem eigenen Dienst. Meerkat ist das perfekte Beispiel dafür, warum man sich besser nicht auf andere, gewinnorientierte Unternehmen verlassen sollte.

6 US-Medien und der Facebook-Deal

Und trotzdem ist in der Medienbranche ein Trend festzustellen, der ganz ähnlich ist. Es geht hin zum Distributed Content, zu Inhalten also, die gar nicht mehr über die eigene Website gespielt, sondern nur noch für Twitter, Facebook, Snapchat oder Instagram produziert werden.

„Buzzfeed“ macht das mit seinem „Distrubuted“-Team schon längst, „Buzzfeed, off Buzzfeed“ nennt sich das dann. Inhalte sollen so unter anderem auch für Tumblr, Imgur, Instagram, Snapchat, Vine und andere Apps aufbereitet und verteilt werden. Bei „Buzzfeed“ erwartet man so einen Schritt, schließlich generiert die Seite den Löwenanteil ihres Traffics über Facebook und soziale Medien und schließlich ist „Buzzfeed“ ein Vorreiter in der Nutzung von sozialen Netzwerken. Bei Medien wie der „New York Times“, die vormacht, dass Paid-Content im Netz funktionieren kann, erwartet man das eher nicht.

Verzicht auf Nutzerdaten für finanzielle Beteiligung?

Und doch ist die „New York Times“ zumindest in Gesprächen mit Facebook über eine Kooperation, die das soziale Netzwerk nur sechs Medienhäusern angeboten hat: „Buzzfeed“, „National Geographic“, „Guardian“, „Quartz“, „Huffington Post“ und eben der „New York Times“. Der Deal: Inhalte direkt auf Facebook und ohne Link zur Website – und dafür mit einer hundertprozentigen Beteiligung an den Werbeeinnahmen. Noch diesen Monat sollen die „Instant Articles“ bei Facebook starten

Die Absicht von Facebook ist klar: Ohne Links gibt es keine Ausstiegspunkte mehr für die Nutzer. Das bedeutet, dass die Nutzer länger auf Facebook bleiben, mehr interagieren und klicken und somit Facebook mehr Daten einbringen. Daten und Metriken, die auch Verlage gerne erheben. Ob es sich dann am Ende rechnet, dafür auf eine Beteiligung an den Einnahmen zu verzichten, ist fraglich.

Gefährliche Abhängigkeiten vermeiden

Unabhängig von den rein betriebswirtschaftlichen Aspekten stellt sich hier noch eine andere Frage: Macht es Sinn, sich von einem gewinnorientierten Unternehmen abhängig zu machen? Zudem von einem, das seinen Markt derart dominiert, dass es selbst von niemandem mehr abhängig ist und ohne Rücksicht auf andere Entscheidungen treffen kann?

Klar ist nämlich: Wenn Facebook es sich anders überlegt, dann setzt Facebook das auch durch. Und im Umkehrschluss bedeutet das, dass die Verlage sich in eine gefährliche Abhängigkeit begeben, die sie – das liegt in den Grundsätzen des Journalismus begründet – eigentlich vermeiden sollten.

Unschuldsvermutung mit Algorithmen weggefiltert

Ein  Beispiel dafür lieferte Soundcloud dieser Tage. Adam Ragusea berichtet bei den Netzpiloten davon, dass ein Journalist einen Audio-Beitrag über die australische Geschichte produziert und bei Soundcloud hochgeladen hat. 25 Sekunden lang lief darin eine Zeile aus „Pumped Up Kicks“ der Band Foster The People. Ragusea wertet das als „umgestaltend“, was laut ihm „als eine der vielen angemessenen Verwendungen des US-Urheberrechts gelten kann“.

Ein Jahr lang passierte nichts, dann hat Soundcloud dem Journalisten per E-Mail mitgeteilt, dass der Beitrag entfernt wurde und er – insofern er  beweisen könne, dass er die entsprechenden Rechte besitze – ja Klage dagegen einreichen könne.

Besser: Inhalte auf dem eigenen Server hosten

Keine Frage: Soundcloud ist für Journalisten und Medienunternehmen ein sinnvolles Tool, um Audio-Inhalte über die sozialen Netzwerke zu verbreiten, zumal sie auch – etwa bei Twitter – direkt dort abspielbar sind. Aber auch hier zeigt sich, dass es im Zweifel doch besser ist, die volle Kontrolle über seine Inhalte zu behalten und sie auf dem eigenen Server zu hosten.

Dann kann sich die Plattenfirma von Foster The People zwar auch mit der Bitte um Löschung (oder einer Abmahnung) an den Journalisten wenden. Aber immerhin ist der Beitrag dann bis zur Klärung des Sachverhalts weiterhin abrufbar und wird nicht durch irgendwelche Algorithmen (man kennt das auch von YouTube) herausgefiltert und gelöscht. Zumal die Chancen auf eine erfolgreiche juristische Klärung des Falls hier ja gar nicht schlecht standen.

Konsumenten da abholen, wo sie sind – aber nicht um jeden Preis

Die Frage der Algorithmen stellt sich auch in Bezug auf die redaktionelle Souveränität. Denn wer entscheidet künfig, was angezeigt wird? Facebook? Soundcloud? Und auf welcher Grundlage werden diese Entscheidungen getroffen? Auf Klicks? Oder tatsächlich auf Relevanz? Die Redaktionen verlieren ihre Entscheidungshoheit über das, was sie dem Leser präsentieren – auch das ist sehr gefährlich und führt weiterhin zum Verlust der journalistischen Glaubwürdigkeit.

Ob nun also Facebook, Soundcloud, YouTube oder gleich alle sozialen Netzwerke zusammen: Distributed Content bietet viele Chancen, aber noch mehr Risiken. Natürlich muss man die Leser, Zuschauer und Zuhörer da abholen, wo sie sind. Doch sollte man dafür niemals auf seine Unabhängigkeit verzichten. Denn die ist neben der Glaubwürdigkeit immer noch das wichtigste im Journalismus.

Update 13.05.: Neben der New York Times und Buzzfeed, sind nun auch der Spiegel und die Bild Zeitung auf deutscher Seite in das Geschäft mit den Instant Articles eingestiegen. Facebook verspricht den Verlagen, das Umfeld der Artikel frei gestalten zu dürfen. Auch auf die Nutzerdaten sollen die Verlage vollen Zugriff haben und die Rechte an den Inhalten bei den jeweiligen Häusern bleiben.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in: Dynamik am Markt, JOURNALISMUS & NETZ
  • Über Tobias Gillen

    Tobias Gillen ist Medienjournalist, Tech-Blogger und Autor der Bücher "Verschlüsselt!", "Spurlos!" und "Spurlos & Verschlüsselt!". Er bloggt auf tobiasgillen.de, auf Twitter erreicht man ihn unter @tobiasgillen.

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3 Kommentare zu diesem Artikel


  1. Beim Thema Medien und Unabhängigkeit wäre ich vorsichtig. Es besteht die Gefahr seine Unabhängigkeit zu verlieren? Bedeutet ja, es hätte vorher eben diese Unabhängigkeit gegeben. Die Redaktionen verlieren ihre Entscheidungshoheit? Echt, erst jetzt? Nur wegen Facebook? Aber vielleicht verstehen wir beide jeweils unter Unabhängigkeit und Entscheidungshoheit etwas anderes .

  2. Gratuliere zu einem gelungenen Artikel.

    Ja, Facebook macht was “es” will – das bemerken auch immer mehr. Und die Verlage haben mitlerweile große Angst, sich kritisch über Facebook zu äußern – könnte ja die eigene Seite kosten…

    Wie schwer es Facebook manchen Nutzern macht, ist hier zu lesen:
    https://www.facebook.com/LoveEvesWorld/photos/a.1417569001608016.1073741843.949438731754381/1421402841224632/?type=3&theater

    Wie ich informiert bin, ist es den Fans von Love Eve’s World mitlerweile verwehrt, sie auf den eigenen Bildern zu markieren, so daß diese dort nicht erscheinen.


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