14.04.2015

Wie Whistleblower sicher an Journalisten herantreten können

Der Informant, der den Watergate-Skandal auslöste und den Decknamen „Deep Throat“ trug, traf sich mit den Washington Post-Redakteuren Bob Woodward und Carl Bernstein in einer Tiefgarage. Nicht immer geht es so klandestin zu, wenn Whistleblower sich vertraulich mit Journalisten treffen, um ihnen Informationen zuzustecken. Vor allem sind die meisten Tiefgaragen heute rundum kameraüberwacht. Dennoch sind Journalisten auf die Informationen von Insidern angewiesen, wenn es darum geht, Missstände in der Verwaltung oder der Wirtschaft aufzudecken. Es gibt einige Dinge, die Journalisten und Informanten beachten können.

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Bild: savebradley auf Flickr, CC by-sa 2.0

- Der Journalist und Korruptionsexperte Professor Frank Überall empfiehlt, dass sich Informant und Journalist persönlich treffen. Allerdings, so Überall, sei es möglich, selbst bei herausgenommenem Akku über ein Handy Raumschallüberwachung durchzuführen. Beim iPhone sei es zudem gar nicht möglich, den Akku herauszunehmen. Der Journalist Hans-Martin Tillack (Stern) rät zu persönlichen Gesprächen an unverdächtigen Orten. „In bestimmen Fällen muss man antizipieren, dass Recherchen auch zurückverfolgt werden können“, sagt Tillack, der bereits von der Polizei zur Herausgabe von Namen verhört wurde.

- Nicht immer ist es wegen räumlicher Distanzen möglich, dass ein Informant sich persönlich mit einem Journalisten trifft. Wenn man mit einem Journalisten telefonischen Kontakt hat, sollte man die Anzahl der Gespräche auf ein Minimum reduzieren, da bei jedem Gespräch Metadaten anfallen, die Rückschlüsse auf Beziehungen zwischen Personen zulassen. Man sollte zudem wissen, dass bei einer Mobilfunkverbindung auch die Seriennummer des Mobiltelefons mitgesendet wird. Für die Anrufe bei dem Journalisten sollte man am besten nicht seinen eigenen Telefonanschluss benutzen und, wenn man Informationen über die eigene Firma oder Behörde leakt, erst recht nicht den dienstlichen Apparat. Geeignet ist eine Telefonzelle.

- Wenn die Kontaktaufnahme per Post erfolgt, sollte man keine Absenderanschrift auf den Briefumschlag schreiben, im Brief selbst keine Handschrift verwenden und den Brief nicht über die Arbeit verschicken.

- Wenn die Kontaktaufnahme per E-Mail erfolgt, gibt es einige hilfreiche Seiten im Internet, die eine anonyme Kontaktaufnahme ermöglichen. Unter dem Stichwort „Wegwerf-E-Mail“ bieten verschiedene Services E-Mail-Adressen an, bei deren Einrichtung keine persönlichen Daten angegeben werden müssen und die für eine einmalige Kontaktaufnahme verwendet werden können. Doch Vorsicht: Für einen Geheimdienst und sonstige interessierte Kreise, die Kommunikation unterwegs abfangen, bietet auch eine solche E-Mail-Adresse keinen Schutz.
Wenn man per E-Mail anonym mit einem Journalisten Kontakt aufnehmen möchte, sollte man ein Internetcafé aufsuchen. Dieses sollte stark frequentiert sein (z. B. an einem Bahnhof). Wichtig ist, dass es dort keine Kameraüberwachung gibt, die Beweise schafft. Dateien, die man verschickt, sollte man nach Möglichkeit nicht auf den Computer kopieren, Browserverlauf und Cache anschließend löschen. Bezahlen sollte man in bar, um hier ebenfalls keine elektronischen Spuren zu hinterlassen.
Der Journalist und Netzwerk-Recherche-Geschäftsführer Günter Bartsch gibt auf seiner Homepage Informanten folgenden Tipp, um Kontakt mit ihm aufzunehmen: Informanten sollten bei einem beliebigen E-Mail-Anbieter einen Account erstellen und dabei keine persönlichen Daten angeben. Danach sollen sie die Informationen in eine E-Mail schreiben und gegebenenfalls Anhänge beifügen. Die E-Mail solle der Informant dann nicht abschicken, sondern nur im Entwürfe-Ordner abspeichern. Per Briefpost solle man dann Bartsch die Zugangsdaten für den Account mitteilen. Diese Variante hat den Vorteil, dass keine Übermittlung von Daten über das Internet stattfindet. Zudem können Informant und Journalist über das E-Mail-Postfach weiter miteinander kommunizieren.

- Hans Leyendecker, einer der bekanntesten deutschen Investigativjournalisten und Leiter des SZ-Investigativressorts, empfahl Whistleblowern in der „Tageszeitung“: „Wenn jemand Papiere rausholt, die insgesamt nur drei Leute kennen, rate ich ihm, die Informationen im Unternehmen breiter zu streuen, bevor er sie an einen Journalisten weiterreicht.“ Man erzählt die Sache einfach ein paar Kollegen beim Mittagessen. So wächst der Kreis der Personen, die von dem Sachverhalt Kenntnis haben. Dies erschwert es nachher, den Urheber der Information ausfindig zu machen.

- Vorsicht sollte man walten lassen, wenn man einem Journalisten Dokumente zukommen lässt. Es hat schon Fälle gegeben, in denen eine Stelle in ein heikles Dokument absichtlich Fehler wie Rechtschreibfehler eingebaut hat, um später Lecks besser ausfindig machen zu können. Das läuft dann so: In einen besonders brisanten Report baut eine Abteilung einer Firma an einer Stelle einen Kommafehler ein. Diese Version des Dokuments erhält aber nur eine bestimmte Person, die mit dem Bericht arbeiten muss und bei der man wegen vorheriger Äußerungen vermutet, dass sie „quatschen“ könnte. Wenn ein Journalist später das Dokument veröffentlicht und in der veröffentlichten Version der Kommafehler enthalten ist, kann die Stelle leicht das Leck ausmachen, weiß der Journalist Frank Überall. Es dürfte für den Informanten in dem Fall schwierig werden, zu beweisen, dass er nicht die Quelle des Journalisten war.

- Professor Johannes Ludwig, Autor des Standardwerks “Investigatives Recherchieren”, gibt auf “ansTageslicht.de” eine Vielzahl von Hinweisen, die man beachten sollte, wenn man sich an die Medien wenden möchte.

Bei allen Vorsichtsmaßnahmen gilt: 100-prozentige Sicherheit gibt es im Zeitalter digitaler Überwachung nie und der Journalist, der diese verspricht, verspricht etwas, das er nicht halten kann. Auch die Verschlüsselung von E-Mails nützt wenig, wenn sich zuvor schon jemand mit Hilfe eines Trojaners Zugang zu einem Computer, auf dem verschlüsselte E-Mails verschickt werden, verschafft hat.
Eine ganze Reihe von Medien haben inzwischen anonyme Briefkästen für Informanten eingerichtet. So etwa die Investigativressorts von Stern, Welt, Zeit Online, Handelsblatt und WAZ sowie der Tagesspiegel und das Recherchebüro Correctiv. Doch streng genommen täuschen auch diese Briefkästen nur hohe Sicherheit vor, etwa wenn versprochen wird, dass die Sendungen „nicht zurückzuverfolgen“ seien. Höchste Sicherheit gewährleisten andere Wege.

Seymour Hersh, einer der bekanntesten Investigativjournalisten der Welt, der unter anderem die Folterungen von Abu Ghuraib aufdeckte, sagte im Sommer 2014 auf einem Panel bei der Jahrestagung von Netzwerk Recherche, dass er keine E-Mails verschlüssele.

Bei einem Symposium in London erklärte Hersh: „Ich speichere nichts elektronisch, und ich mag es so. Wenn du mein iPhone findest, findest du darin meine Frau und meine Kinder, aber du wirst niemanden finden, der auch nur im Entferntesten eine Quelle ist. So schütze ich die Leute. Ich halte sie vom Internet fern.“

2 Kommentare zu diesem Artikel


  1. Steffen Kutzner

    Wegwerf-Emails sind für eine Kontaktaufnahme ungeeignet, weil man darüber keine Mails verschicken, sondern nur empfangen kann (und sich die Accounts nach wenigen Stunden selbstständig löschen). Die einzige Möglichkeit einer solchen Verwendung wäre also, wenn sich der Whistleblower vorher auf anderem Wege meldet und ein präzises Zeitfenster vorgibt, bis wann der Journalist an die Wegwerf-Mail antworten soll. Das erscheint mir aber sehr riskant – steckt einer von beiden im Verkehr fest und kann die Mail nicht rechtzeitig schicken/lesen, ist der Versuch dahin.

  2. Dass der Artikel mit einem großen Bild von BRADLEY Manning eingeleitet wird, die inzwischen Chaelsea Manning heißt, drückt doch einen gewissen Mangel an interkultureller und sozialer Kompetenz aus.
    Edward Snowden wäre als Alternativ ein wenigstens ähnlich Bekannter Vertreter der Whistleblower neuerer Geschichte.


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