21.04.2015

Contributoria, Patreon und die Rückkehr des Abos im Geiste des Crowdfundings

Crowdfunding für Journalisten kann funktionieren. Das beweisen neben den Krautreportern auch Projekte wie Crowdspondent. Aber nach wie vor gilt: Das „klassische“ Kickstarter-Crowdfunding, mit seinen Videokampagnen und Belohnungen, ist für Projekte unter 2000 Euro schlicht und einfach zu aufwendig. Aber genau das ist natürlich der Bereich, in dem sich die meisten journalistischen Projekte bewegen.

Contributoria soll diese Lücke schließen. Die 2014 gestartete, englischsprachige Crowdfundingseite, will journalistische Inhalte an den Schwarm bringen – und orientiert sich dabei dicht am journalistischen Tagesgeschäft.

Ausschließlich mit einer möglichst knackigen Überschrift und einem aussagekräftigen Kurzexposé kann man hier als Autor versuchen, die Crowd für sein Thema zu gewinnen.
Zusätzlich listet man angedachte Interviewpartner, veranschlagte Reisekosten, Bildrechte u.ä. auf. Daraus errechnet sich dann ein Punktewert, den man erreichen muss um von der Crowd den Zuschlag zu erhalten. Und das Honorar, das man bei der Lieferung des Textes erhält.

Das breite Themenspektrum reicht dabei von Reportagen über Fracking in Mexiko oder Arbeitsmigranten in Manchester, über essayistische Texte zur Zukunft der Kunstkritik bis hin zu popkulturellen Stücken zur biographischen Bedeutung von Batman.

Am ersten Tag eines Monats werden alle nicht finanzierten Vorschläge gelöscht. Dann startet die nächste Runde. Für das Verfassen eines Artikels haben Autoren ebenfalls rund einen Monat Zeit. Steht die finale Fassung nicht bis zum 25. des jeweiligen Monats, verfällt auch die Finanzierung. Das Prinzip “Honorar bei Lieferung”, ist gut. Vertröstungen auf immer spätere Veröffentlichungstermine, durch die sich manche Kickstarterkampagnen den Ruf ramponiert haben, werden damit vermieden. Für besonders zeitaufwendige Reportagen kann die unflexible Deadline allerdings auch zum Ausschlusskriterium werden.

Mischfinanzierung für faire Honorare

Für bislang rund 70 Artikel will Contributoria rund 30.000 Euro an Autoren gezahlt haben – macht im Schnitt also 430 Euro pro Text. Das klingt gerade im Vergleich zu den schmalen Honoraren im Onlinebereich verdächtig üppig, ist aber offenbar nicht übertrieben: Journalist Peter Dörrie konnte über die Plattform nach eigenem Bekunden mit drei Artikeln 1200 Euro erwirtschaften. Die faire Bezahlung ist nicht zuletzt deshalb möglich, weil Contributoria bislang nicht ausschließlich von der Crowd getragen werden muss, sondern außerdem durch Spenden und die Guardian Media Group finanziert wird.

Bei den Mitgliederbeiträgen setzt Contributoria auf ein Abo-Modell. Die Mitgliedschaft gibt es bislang in drei Varianten: Beim kostenlosen Starter-Paket hat man immerhin 50 Punkte zur Verfügung um sie an beliebige Projekte zu vergeben. Als Supporter zahlt man umgerechnet 2,70 Euro im Monat und kann 250 Punkte an Projekte verteilen. Sogenannte Patrons erhalten für rund 8,30 Euro 500 Punkte und monatlich eine Print- und E-Readerversion der aktuellen Ausgabe.

Contributoria legt ebenfalls Wert darauf, die Crowd in den Arbeitsprozess einzubeziehen. Mitglieder sind etwa dazu aufgefordert, erste Fassungen der Artikel vor der Veröffentlichung auf der Homepage zu lesen, zu lektorieren und zu diskutieren.

Die fertigen Texte werden frei zugänglich auf der Seite veröffentlicht. Sie stehen unter einer nichtkommerziellen CC-Lizenz, können also frei im Internet verbreitet werden. Die Rechte bleiben dabei bei den Autoren. Man kann die eigenen Texte also problemlos Tageszeitungen oder Fachzeitschriften zur Veröffentlichung anbieten. Der Gewinn aus der Zweitverwertung bleibt ebenfalls beim Autor. Die Nähe zum Guardian bietet natürlich keine Garantie auf eine Übernahme des eigenen Stücks, ist aber zumindest ein interessanter Anreiz.

Patreon.Jim Sterling

 Patreon: Monatsbeitrag statt Projektfinanzierung

Contributoria wendet sich (bislang) ausschließlich an Texter. Videomacher auf der Suche nach Schwarmunterstützung können auf Patreon fündig werden. Gegründet wurde die Plattform 2013 von Jack Conte. Der Musiker suchte nach einem Weg um die zahlreichen Klicks seiner Youtube-Videos in Geld zu verwandeln. Konsequenterweise bewerben sich auf Patreon neben Musikern, Comiczeichnern und Podcastern vor allem Youtuber um alternative Einnahme-Quellen.

Patreon setzt ähnlich wie Contributoria auf ein Abomodell. Statt einzelne Beiträge zu unterstützen wird man Mäzen, der einem Medienmacher monatlich oder pro Beitrag einen festen Betrag zahlt. Laut Angabe der Website werden momentan pro Monat eine Million Dollar an die sogenannten Patreon Creators ausgeschüttet. Im Unterschied zu Kickstarter geht es nicht darum, den Schwarm für eine spannende Idee zu gewinnen, sondern darum Menschen davon zu überzeugen, die eigene Arbeit regelmäßig finanziell zu unterstützen. Deshalb ist es noch einmal wichtiger als beim klassischen Crowdfunding, mit einer eigenen Community mögliche Unterstützer schon mitzubringen.

Persönlichkeiten statt Produkte

Gerade weil es mehr um Persönlichkeiten als um Produkte geht, stehen die üblichen Belohnungen deutlich weniger im Vordergrund als beispielsweise auf Kickstarter. Der Gegenwert für die User besteht vor allem in der größeren Nähe zu den Machern: Eine namentliche Nennung im Video, oder zeitexklusive Inhalte wie Feedbackpodcasts, in denen die Fragen der Patreon-Untersterstützer bevorzugt behandelt werden.

Das schöne daran: Die Crowd weiß die Qualität zu schätzen. Diverse Informationsformate können sich über Patreon zufinanzieren. CGP Grey erklären in kurzen, gut informierten Videos die Zukunft der Roboter-Automatisierung, die Mythologie des Herrn der Ringe oder die europäische Union. Ihre 1100 Patrons unterstützen sie dafür mit rund 3000 Dollar pro Video. Der Filmemacher und freie Journalist Tony Zhou bringt es mit seinen Filmessays Every frame a painting auf 1900 Dollar Unterstützung pro Video. Numberphile, die, wie der Name schon andeutet, dem Publikum die Wunderwelt der Zahlen nahezubringen versuchen, erhalten dafür 2.200 Dollar pro Monat.

Die Crowd als Arbeitgeber für Videospieljournalisten

Gerade bei Videospieljournalisten erfreut sich die Plattform aktuell zunehmender Beliebtheit. Jim Sterling hat seinen Job bei The Escapist gerade gegen die Unabhängigkeit eingetauscht. Zukünftig zahlen ihm rund 3000 Patreons ein monatliches Salär von 9500 Euro. Mit Colin Moriarty, Nick Scarpino, Tim Gettys und Greg Miller haben gleich vier prominente Journalisten IGN.com verlassen. Mit ihrer Patreon-Kampagne bringen sie es aktuell auf ein Monatsgehalt von über  23.000 Euro. Auch deutsche Spielejournalisten experimentieren mit der Fanfinanzierung. Thomas Groik und Robin Schweiger, vormals Redakteure bei Giga, versuchen, durch Patreon ihr gemeinsames Projekt Hooked zu finanzieren. Ihr Plan: Qualitativ hochwertiger Content ohne den Reichweitenzwang der Werbefinanzierung. Das ist aktuell 350 Unterstützern rund 2300 Euro im Monat wert. Leben kann man davon kaum. Aber für ein schlankes Zwei-Mann-Team mit übersichtlichem Bedarf an Infrastruktur ist das erstmal eine durchaus beachtliche Unterstützung.

Ob sich die Patreon-Finanzierung tatsächlich zum langfristig tragfähigen Modell auswachsen kann und inwieweit die Fanfinanzierung ihrerseits neue Abhängigkeiten erzeugt, muss sich erst noch zeigen. Auch bei Contributoria steht noch offen, wieweit die Plattform dauerhaft ein Publikum erreicht und mehr werden kann als ein Liebhaberprojekt von Journalisten für Journalisten. Spannende Alternativen zu etablierten Finanzierungsmodellen bieten beide Ansätze schon jetzt.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in: Ideen, Chancen, Risiken, JOURNALISMUS & NETZ, NEU

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