11.03.2015

“Wir können viel freier agieren und werden nicht mehr ausgebremst”

Ein Team aus Lokaljournalisten in NRW hat sich mit einem Paid-Content-Projekt selbständig gemacht. Chefredakteur Thomas Reuter, Jahrgang 1962, erklärt, wie seine junge Medienfirma funktioniert – und was er und seine Kollegen anders machen wollen als die großen Verlage.

Thomas Reuter und der Kalker von Wülfrath

 

torial: Herr Reuter, für die, die es noch nicht kennen – was ist Taeglich.ME in zwei, drei knappen Sätzen?

Reuter: Taeglich.ME ist eine lokale Abo-Zeitung im Internet. Uns gibt’s nur online. Wir berichten über drei Städte aus dem Kreis Mettmann. Und unsere Nachrichten gibt es eben nicht kostenlos.

torial: Wie kam es zur Gründung von Taeglich.ME? War das Projekt rein aus der Not geboren oder haben Sie und Ihre Kollegen schon zu Zeitungszeiten den Wunsch verspürt, Ihr eigenes Medium zu gründen?

Reuter: Erste Überlegungen gab es schon im Herbst 2013. Die Unzufriedenheit über die Arbeitsbedingungen im Lokaljournalismus wuchs. Das ist ja in vielen Häusern leider so: Reduzierungen beim Personal, Kürzungen im Etat und Verkleinerung des Umfangs – da bleibt lokales Zeitungsmachen auf der Strecke. Die Entwicklungen bei der “Westdeutschen Zeitung”, wo ich mehr als drei Jahrzehnte tätig war, haben Taeglich.ME schließlich beschleunigt.

torial: Wie viele Leute arbeiten bei Taeglich.ME? Wie ist das Team zusammengesetzt?

Reuter: Wir sind im Moment vier Redakteure und ein Techniker. Aber noch in diesem Monat steigt ein fünfter Reporter ein, um das Thema Sport intensiver zu bearbeiten.

torial: Woher kam das Kapital für den Aufbau der Seite? War es schwer, Mittel einzuwerben?

Reuter: Wir haben keine Mittel eingeworben. Es gab auch keine staatliche Förderung. Das Kapital, das wir benötigten, haben wir als Quintett selbst gestemmt.

torial: Waren Sie und Ihre Kollegen schon früher Freunde des Digitalen? Oder wäre ein solches Produkt auch gedruckt vorstellbar?

Reuter: Wir waren nie Gegner des Digitalen. Wir haben aber nie verstanden, dass die Zeitungshäusern das, was sie auszeichnet und im Markt abhebt, kostenlos im Internet verschenken. Taeglich.Me wäre natürlich nur bedingt gedruckt möglich. Wir reagieren schnell auf Nachrichten. Unmittelbar wenn nötig. Das kann Print nicht. Und wir haben kein Umfangsproblem.

torial: Taeglich.ME setzt, Sie haben es schon gesagt, von vorne herein auf Paid Content. Man zahlt mindestens einen Euro für den Zugang. Haben Sie auch andere Modelle erwogen? Und sind Nutzer wirklich bereit, für eine noch neue Medienmarke zu zahlen?

Reuter: Wir haben nur kurz darüber nachgedacht, ein durch Anzeigen finanziertes Portal auf die Beine zu stellen. Unsere Städte sind zu klein, als dass dort genug Anzeigenkunden gewonnen werden könnten. Wir machen Lokaljournalismus.

Außerdem: Zuviele Anzeigen stören den Lesefluss. Gerade der muss einfach und leserfreundlich sein, wenn sich der typische Zeitungsleser von einst auf etwas Neues einlassen soll. Und das tun inzwischen erfreulich viele, die bereit sind, für eine neue Medienmarke zu bezahlen. Der von Ihnen angesprochene Euro pro Tag bezieht sich übrigens nur auf den Tageszugang. Wer ein Jahresabo abschließt, zahlt 60 Euro – also weniger als 17 Cent pro Tag.

torial: Nehmen wir einmal an, dass die Idee “fliegt” und Taeglich.ME eines Tages zu einem größeren digitalen Verlagshaus heranwächst. Was würden Sie ganz anders machen als bei Ihrem alten Verlag?

Reuter: Ich hoffe, dass wir nie die Nähe zu unseren Lesern und deren Themen verlieren. Das ist unser Pfund.

torial: Haben Sie von Ihren alten Kollegen gehört? Was sagen die zu dem Projekt?

Reuter: Natürlich hören wir von alten Kollegen. Die allermeisten finden das, was wir machen, spannend und gut. Die sehen ja auch, dass wir viel freier agieren können und nicht mehr ausgebremst werden. Und klar, gibt es auch Zweifler, ob sich das rechnet. Aber unser Mut wird allgemein anerkannt. Und Daumendrücker gibt es auch in den Verlagshäusern, die uns früher beschäftigten und nun unsere Mitbewerber sind.

torial: Was haben Sie beim Aufbau des Angebots gelernt? War es schwer, auch die Rolle des Verlegers zu übernehmen?

Reuter: Dass es wichtig ist, in allen Bereichen auf Profis zu setzen. Das fing mit dem Webdesigner an, ging mit einem herrlich verrückten Steuerberater weiter und einer tollen Buchhalterin, die uns unterstützt. Halbe Sachen gehen nicht. Dass ich auch Verleger bin, ist immer noch ein komisches Gefühl. Ich will doch schreiben… Aber das Bewusstsein, auch wirtschaftlich-strategisch zu denken, wächst jeden Tag. Dafür sorgen unsere Berater.

torial: Lokale Blogs gibt es ja schon viele, die wenigsten scheinen sich zu tragen. Fehlt die Professionalität? Oder ist in dem Markt einfach kein Geld?

Reuter: Ich will und kann nicht über die Professionalität von Blogs urteilen. Der Markt ist neu. Aber der digitale, lokale Nachrichtenmarkt wird an Bedeutung gewinnen, weil er die Informationsvielfalt vor Ort sichert, die Verleger aufgegeben haben. Dabei werden die Nähe zum Leser und ein gutes Netzwerk sehr, sehr wichtig sein. Und natürlich die Qualität. Wer die verspricht, muss sie jeden Tag abliefern – wir sieben Tagen in der Woche.

torial: Häufig haben kleine Internet-Medienfirmen das Problem, dass Redaktion und Werbevermarktung schwer zu trennen sind. Wie wollen Sie dieses Problem lösen?

Reuter: Schritt für Schritt. Die erste Medienberaterin ist für uns unterwegs. Weitere Interessenten haben sich gemeldet.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in: Ideen, Chancen, Risiken, JOURNALISMUS & NETZ

1 Kommentare zu diesem Artikel


  1. Michael Kremer

    Ein mutiger Schritt der Kollegen. Ich drücke Ihnen ganz fest die Daumen, dass ihre Idee erfolgreich ist und vielleicht sogar Schule macht. Guten Journalismus gibt es nun mal nicht umsonst.


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  1. Jonet Das Journalistennetz. Seit 1994. » Medienlog 13. März 2015 13 03 15

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