26.02.2015

Warum die Webseite womöglich noch lange leben wird

Webseiten zusperren, journalistische Marken vergessen und künftig nur noch auf Kuration und Filterblasen setzen? Ein Trugschluss. Journalismus auf konventionellen Wegen wird es noch lange geben. Und das muss gar nicht mal schlecht so sein…

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Sowas gibt´s noch: Zeitungen in Zeitungskästen. (Foto: Christian Jakubetz)

Es gibt, und das ist jetzt kein schlechter Witz, tatsächlich noch Menschen, die gedruckte Zeitungen auf Papier lesen. Sie wissen schon, dieses komische Zeug, das aus toten Bäumen gewonnen wird und das man nach fertiger Bearbeitung mit Lastwägen durch die Gegend fährt. Nimmt man es genau, dann sind das sogar ziemlich viele. Immer noch werden jeden Tag in Deutschland rund 20 Millionen Tageszeitungen verkauft. Auf diesem Dings, ähm, Papier. Nebenher bemerkt: In einem Medium namens Fernsehen schalten immer noch jeden Abend ein paar Millionen Menschen ein Fossil namens Tagesschau ein und entgegen anders lautenden Gerüchten gibt es auch noch so etwas wie Radios. Also, als Gerät. Nicht als App für das Smartphone.

Das ist zwar alles so furchtbar banal, dass man es eigentlich nicht aufschreiben dürfte. Muss man aber doch immer wieder mal, vor allem dann, wenn Medien-Avantgardisten über die Zukunft von Medien debattieren. Johnny Häusler beispielsweise hat unlängst in seiner “Wired”-Kolumne aufgeschrieben, dass “die” Verlage am besten ihre Webseiten sofort dicht machen. Weil in absehbarer Zukunft ohnehin kein Mensch mehr Nachrichten über Websites konsumieren werde. Zumachen also, rät Häusler, wenn auch eine Woche später in modifizierter Form. Häusler ist mit seinen Auffassungen nicht alleine (wäre ja auch ein Wunder) – wenn man den Debatten des re-publica-Publikums und der Wired-Leserschaft zuhört, kommt man schnell zu dem Eindruck, Zeitungen und Fernsehen und Radio und der ganze andere analoge Quatsch seien schon lange beerdigt. Sind sie aber nicht. Siehe oben.

Das Entweder-Oder-Paradox

Bevor jetzt irgendjemand laut aufstöhnt: Keine Sorge, jetzt kommt keine Prophezeiung, dass das Internet eh überschätzt ist und dann schon wieder von alleine weggehen wird. Und auch kein Lamento, dass die digitale Welt schlecht und böse ist. Nur: Die Debatten über den Medienwandel leiden sehr häufig unter dem, was man “Entweder-Oder-Paradox” nennen könnte. Die digitale Avantgarde ist der festen Überzeugung, dass diese analoge Steinzeit schon lange überwunden ist und nur noch ein paar Ewiggestrige Zeitungen auf Papier lesen und einen Fernseher einschalten, um fernzusehen. Die analogen Überzeugungstäter sehen zwar inzwischen ein, dass es so ganz ohne digitale Angebote nicht mehr gehen wird, halten das aber alles in allem immer noch für ein Zusatzgeschäft. Netz-Avantgardisten verstehen nicht, wie ein analoges Publikum tickt. Und der Zeitungs- und TV-Manager versteht im Regelfall nicht, was in der digitalen Welt passiert. Und vor allem: Jeder hält seine Welt für die bessere.

“Die meisten Artikel oder Nachrichten, die mir täglich begegnen, gelangen über Kommunikationskanäle zu mir. Das regelmäßige Absurfen diverser Sites oder Bookmarks habe ich mir vor vielen Jahren abgewöhnt, denn es gibt einfach zu viele gute Quellen. Ich lasse daher meine recht umfangreiche Filterblase und den Zufall für mich kuratieren. Wenn ich von Kommunikationskanälen spreche, meine ich nicht nur die bekannten sozialen Netzwerke, sondern — ein weiterer Unterschied zur jungen Generation — auch die klassische E-Mail oder RSS-Feeds. ” Das schreibt Johnny Häusler über sein Mediennutzungsverhalten – und schließt daraus, dass dieses Verhalten so sehr schon den Mainstream abbildet, dass man daraus einen Trend für die Zukunft ablesen könnte. Was aber ein fataler Trugschluss ist. Weil dieses Mediennutzungsverhalten eine sehr intensive Beschäftigung mit Technologie und vor allem eine hohe Affinität zu Medien voraussetzt. Ich würde massiv bezweifeln, dass sich der durchschnittliche Mediennutzer heute und in Zukunft ernsthaft mit Kuration, Filterblasen, Bookmarks und sozialen Netzwerken auseinandersetzen will. Es wird auch weiterhin eine ziemlich große Menge an Menschen geben, die sich Nachrichten und andere Inhalte schlichtweg vorsetzen lassen wollen.  Schon alleine deswegen, weil sie im Gegensatz zu Johnny Häusler und uns anderen Digital-Nerds gar keine mediengeprägte Filterblase besitzen, die ihnen etliche gute Quellen für irgendwas an die Hand geben könnte.

Ganz davon abgesehen: Kann man das denn tatsächlich wollen, den Zufall und eine Filterblase kuratieren zu lassen? Ich für meinen Teil lese immer wieder mal beispielsweise die gute alte FAZ. Von vielem, was ich da lese, bekommen ich und mein Weltbild Bauchweh. Aber danach, wenn der Schmerz nachlässt, stellen ich und mein Weltbild dann doch regelmäßig fest, dass es gar nicht schlecht ist, sich zumindest immer wieder mal vor Augen zu führen, dass es andere Weltbilder eben auch noch gibt. Was im Übrigen auch im Fall des Häusler-Ratschlags zum Abschaffen der Websites gilt: Hätte er sich mal mit anderen Weltbildern als denen des re:publica-Besuchers beschäftigt, er würde schnell feststellen, dass es nicht nur Platz für Webseiten gibt. Sondern zumindest momentan noch für 20 Millionen gedruckte Tageszeitungen jeden Tag.

Wenn die Jugend Antenne Bayern hört

Aber halt, war da nicht noch was? Die ganzen Kids, die heute alle smartphonesüchtig sind und deswegen auch Nachrichten und Journalismus künftig ausschließlich über das Smartphone konsumieren – muss man daraus nicht zwangsläufig schließen, dass diese Generation auch nur über das Smartphone für mediale Inhalte zu erreichen ist? Natürlich ist unbestritten, dass Smartphones und soziale Netzwerke den Alltag dort erheblich stärker prägen, als bei uns alten analogen Säcken. Aber wenn es um das Nutzen von Medien geht, dann kann diese junge Generation verblüffend konservativ sein. Die “Süddeutsche Zeitung” beispielsweise hat jetzt über die Schwierigkeiten der öffentlich-rechtlichen Jugendradios berichtet. Das mag zu einem beträchtlichen Teil auch an den Sendern liegen, die so bemüht jugendlich rüberkommen wollen. Eine Erklärung dafür, warum ganze Heerscharen von Smartphone-Kids dennoch traditionelle Dudelfunker wie Antenne Bayern hören, ist das aber noch nicht.

Eine Erklärung dafür könnte aber diese hier sein: Gerade diese junge Generation, für die Medien immer und überall erreichbar sind, hat einen wesentlich unverkrampfteren Umgang mit dem Thema als wir. Wir, die wir immer noch in diesem Entweder-Oder-Denken verhaftet sind. Für die Smartphone-Generation sind Medien schlichtweg ein riesiges und immer verfügbares Angebot, aus dem man sich bedient. Ob das jetzt digital ist oder nicht, spielt nur eine untergeordnete Rolle. Hauptsache, es ist gut.

Doch, ja: Der Medienwandel ist in vollem Gang. Aber womöglich gehört es ja zu den mittelgroßen Irrtümern zu glauben, dass jeder Wandel automatisch so geschieht, wie er sich in der eigenen Filterbubble abzeichnet. Die re:publica, das nebenbei, besuche ich trotzdem auch dieses Jahr wieder.

 

4 Kommentare zu diesem Artikel


  1. Davon abgesehen: Wenn niemand mehr Inhalte herstellte, die via soziale Netzwerke verbreitet werden, wär’s irgendwie auch blöd.

  2. Bitte lernen:

    web-site = Web-Site
    web-page = Web-Seite

    Danke.

  3. “Ob das jetzt digital ist oder nicht, spielt nur eine untergeordnete Rolle. Hauptsache, es ist gut.” – Vielen Dank für diesen Satz! Viel zu selten wird die Frage nach der Qualität, viel zu häufig die nach der Form gestellt.

  4. Was wohl mit dem Radio wäre, wenn nicht jedes Auto mit einem ausgeliefert würde…


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  1. Zeitschriftenmacher – Warum die Webseite womöglich noch lange leben wird 28 03 15

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