30.01.2015

Direkter Draht zum Startbildschirm: WhatsApp als Nachrichtenkanal

700 Millionen aktive Nutzer meldete WhatsApp Anfang Januar: Weder Sicherheitsbedenken noch der Kauf durch Facebook konnten dem Wachstum des weltweit populärsten Kurznachrichtendienstes etwas anhaben. Vor allem jugendliche Smartphonenutzer_innen verbringen mittlerweile oft mehr Zeit mit WhatsApp, als auf Facebook. Mehr als genug Gründe, um den Mobile Messenger auch als Vertriebsplattform für Medienunternehmen attraktiv zu machen.

Außer den Memeproduzenten von Buzzfeed haben etwa der Standard, Focus Online und die Tagesschau bereits einen Sharing-Button eingeführt. Erste Experimente, auch eigene Inhalte über die App zu verbreiten gibt es ebenfalls schon. Neben der BBC, dem britischen Channel 4 und dem Schweizer Privatsender joiz startete unlängst auch der Schweizer Rundfunk ein erstes Experiment, um herauszufinden wieweit sich der Kurznachrichtendienst als Nachrichtenkanal nutzen lässt.

Im Vorfeld einer Volksabstimmung im September letzten Jahres konnten User sich für ein  News-Abo anmelden. Von da ab wurden die 1.500 Abonnent_innen bis zum Abstimmungstag mit rund 20 Meldungen, Fotos und kurzen Videos versorgt.

Positives Feedback

Das Feedback war überwiegend positiv. 70 Prozent aller Nutzer_innen, die sich an einer anschließenden Umfrage beteiligten, fanden den Dienst nützlich. Besonders beachtlich: 80 Prozent würden sich ein solches Angebot dauerhaft wünschen.

Ähnliche Erfahrungen machten Journalistinnen der Heilbronner Stimme. Über WhatsApp erinnerten sie Anfang Dezember an den 70. Jahrestag der Bombardierung der Stadt. Insgesamt 30 Texte, Fotos und Videos wurden über den historischen Newsticker in Echtzeit an etwa 2.500 angemeldete Nutzer_innen verschickt. Auch hier zeigte eine abschließende Umfrage: User wollen News auch über WhatsApp empfangen. Vielen Nutzer_innen gefiel vor allem die persönlichere Ebene des Nachrichtenstroms.

Hohe technische Hürden

Die technischen Hürden für Medienmacher_innen über die App auf die Startbildschirme der Smartphones zu kommen, sind allerdings noch ziemlich hoch: Denn die Allgemeinen Geschäftsbedingungen von WhatsApp verbietet bislang die Verwendung von Software zur Erstellung und Verbreitung von Nachrichten.

 
Die Redakteur_innen des SRF und der Heilbronner Stimme lösten das Problem indem sie Texte, Bilder und Videos händisch ins Smartphone eingaben, und dann an die User verschickten. Selbst die Adressen der Nutzer_innen mussten einzeln in sogenannte Broadcastlisten eingetragen werden, mit denen man immerhin an 256 Nutzer_innen gleichzeitig Nachrichten verschicken kann. Mehr als eine Notlösung für ein zeitlich begrenztes Experiment ist das sicher nicht. Denn eine_n Social Media Redakteur_in dauerhaft als menschlichen Nachrichtenticker vors Smartphone zu setzten, dürfte die meisten Redaktionen überfordern.
WhatsApp Web, die Desktopversion des Chatdienstes, die seit Kurzem auf dem Markt ist, könnte zumindest die logistischen Herausforderung teilweise verkleinern. Jedoch gibt es die Anwendung zunächst nur für Google’s Chrome-Browser und erfordert die Verbindung mit einem Smartphone. iOS Nutzer_innen kommen derzeit noch nicht in den Genuss der Desktop Version: Whats App Web ist derzeit nur für Blackberry, Android und Windows-Phones verfügbar.

Fingerspitzengefühl gefragt

Aber selbst wenn sich WhatsApp zukünftig stärker für Drittanbieter öffnen sollte: Bei ihren Gehversuchen auf dem Messengerdienst müssen Redaktionen viel Fingerspitzengefühl und Zurückhaltung an den Tag legen. Sonst kann das verlockende Versprechen der größeren Nähe zu den Leser_innen, sehr leicht zum Rohrkrepierer werden, wie auch Radiojournalist Marck Krüger vermutet. Denn im Unterschied zu Facebook ist WhatsApp – zumindest bislang – kein Multifunktionsnetzwerk, dessen User sich an das mehr oder weniger harmonische Nebeneinander von Privatem und Öffentlichem gewöhnt haben. Inflationäre Angebote von Medienmarken können da leicht als Einbruch in die Privatsphäre empfunden werden – und Interesse in Abwehr umschlagen. Dann ist das eben noch attraktive Newsangebot schneller abgemeldet, als die schreibfreudige Gruppe zum Abitreffen. Außerdem: Wenn sich zwischen Familie und Freunden plötzlich regelmäßig Nachrichtenmeldungen tummeln sollten, werden die Nutzer_innen anfangen auszufiltern. Und wenn gefiltert wird, sinkt mit der Reichweite die Attraktivität der App für Medienmarken.

Auch für Konrad Weber, den Projektleiter beim SRF braucht es „schon einen sehr konkreten Aufhänger, um die Leute für diesen Dienst zu begeistern.“ Für die Tagesberichterstattung und ihre Updatefrequenz dürfte WhatsApp sich also weniger eignen. Für zeitlich begrenzte Ereignisse wie Wahlen, Jahrestage, Krisen oder Pokalfinale dagegen schon.

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