29.12.2014

Storytelling-Tools: Geschichtenerzählen war gestern

Modernes Storytelling bedarf keiner Zauberkünste. Marvin Oppong testet Storytelling-Tools.

Immer mehr kostenlose Tools drängen auf den Markt und machen ansprechendes Storytelling auch für Anfänger möglich.

 
Trockene Bleiwüsten gehören im Journalismus der Vergangenheit an. Gefragt sind heute optisch ansprechende, multimediale Darstellungen von journalistischen Inhalten – am besten mit interaktiven Elementen. Bis zum Geht-nicht-mehr wird als Positivbeispiel dafür die preisgekrönte Geschichte „Snow Fall – The Avalanche at Tunnel Creek“ der New York Times über das Schicksal eine Gruppe verschütteter Alpinsportler herauf- und herunterzitiert. Doch auch andere Medien haben ähnlich gute Multimedia-Geschichten für ihre Leser aufbereitet. So zum Beispiel Zeit Online mit einem Stück über die Karl-Marx-Allee in Berlin, das mit Videos, Fotostrecken und Infografik aufwartet. Die Berliner Morgenpost programmierte das Mauerweg-Stück „Die Narbe der Stadt“ komplett per Hand. Oder der Guardian mit seinem beeindruckenden Multimedia-Stück über die 100-jährige Geschichte des Fliegens und seinem Werk „NSA Files: Decoded“. Auch das Boulevardmedium Bild.de ist auf den Storytelling-Zug aufgesprungen. Bild.de veröffentlichte die „tragische Geschichte“ eines schwer kranken Mannes, der zur Sterbehilfe in die Schweiz fuhr. Die Geschichte wurde für den Grimme Online Award 2014 nominiert. In der Schweiz nahm sich die Neue Zürcher Zeitung in ihrem Multimedia-Stück „Keine Zeit für Wut“ der Schicksale von Bewohnern eines japanischen Fischerortes nach Fukushima an.

Die Bedeutung von Storytelling ist in der heutigen Zeit nicht zu vernachlässigen. Der immer schnellere und kürzere Medienkonsum zwingt Journalisten, Blogger, aber auch Unternehmen oder NGOs, Leser zu motivieren, länger auf einer Seite zu bleiben. Zudem erwartet der Konsument, nicht nur mit Fakten in unverdaulichen Portionen zugeschüttet zu werden, sondern selbst Einfluss auf Inhalte zu haben und in den Bann gezogen zu werden.

Der torial Blog hat sich einige Storytelling-Tools näher angeschaut:

 

Storify

Storify ist ursprünglich eher ein Angebot, dass dazu dient, Internetinhalte zu kuratieren, seien es Tweets, Facebook-Posts, Soundcloud-Inhalte oder RSS-Feeds. Zunehmend wird Storify aber auch genutzt, um ganze Geschichten zu erzählen. Dabei werden die gewünschten Inhalte per Drag & Drop in ein Feld gezogen und lassen sich dort verschieben und ergänzen. Die mit Storify kreierten Geschichten lassen sich wie ein Youtube-Video in eine Webseite einbetten, was als Vorteil gegenüber anderen Storytelling-Tools gelten kann. Storify nutzte zum Beispiel die Berliner Morgenpost für das Stück „Tweets zum Stromausfall im Bundestag“. Storify ist auch bei kommerzieller Nutzung kostenlos nutzbar, es wird allerdings auch eine kostenpflichtige „Enterprise“-Version angeboten.

 

Storyful

Das Tool der gleichnamigen Agentur Storyful, der ersten Social-Media-News-Nachrichtenagentur, ist der zweite bekannte Name nach Storify. Auch bei Storyful werden die Inhalte, seien es Tweets oder Flickr-Inhalte, per Drag & Drop zusammengestellt und lassen sich mit Texten und Links anreichern. Wer Storyful ausprobieren möchte, muss als Unternehmen seine Daten an Storify schicken. Danach nimmt Storify Kontakt mit einem auf.

 

Pageflow

Das multimediale Storytelling-Tools Pageflow wurde vom WDR entwickelt. Eine WDR-Reportage über das „Haldern Pop Festival“, die mit Pageflow umgesetzt wurde, gewann 2014 einen Grimme Online Award in der Kategorie „Spezial“. „Andere Menschen an Ereignissen teilhaben zu lassen, so dass ein Gefühl des Miterlebens entsteht, ist eine Herausforderung, die vom WDR mit der multimedialen Online-Reportage ‚Pop auf’m Dorf‘ in außergewöhnlicher Weise sowohl technisch als auch inhaltlich gemeistert“ werde, so die Begründung der Jury.

Das Tool Pageflow beinhaltet einen eigenen Editor, eine Medienverwaltung und eine Nutzerverwaltung. Das Besondere an Pageflow: Der öffentliche Sender WDR hat den Programmcode unter einer freien Software-Lizenz veröffentlicht. Damit steht anderen Nutzern nicht nur die Möglichkeit offen, das Tool ebenfalls einzusetzen, sondern auch dieses weiterzuentwickeln. Wünschenswert bei Pageflow wäre jedoch „die Möglichkeit zur Nutzerbeteiligung, zum Beispiel über eine Kommentierungsfunktion“, so die Jury des Grimme Online Awards. Der Nachteil an Pageflow: Um die Anwendung zu nutzen, muss sie hardwaremäßig aufgesetzt werden, was fortgeschrittene IT-Kenntnisse erfordert und in der Regel mit nicht unerheblichen Kosten verbunden ist. Unter anderem benötigt man auch einen Amazon Web Services-Account. Das lässt sich nur vermeiden, wenn man Anpassungen vornimmt, „die Kenntnisse in der Programmiersprache Ruby und dem Framework Rails voraussetzen“, so Jörg Runkel von der Firma Codevise Solutions Limited, die die Open-Source-Version betreut. Zudem muss man ein kostenpflichtiges Monatsabonnement bei Pageflow abschließen.

 

Storyteller

Das von der freien Journalistin und VWL-Studentin Katharina Brunner entwickelte Tool will Storytelling möglichst einfach gestalten. Es versteht sich als Gegenentwurf zum technisch aufwändigen Pageflow. Storyteller ist ebenfalls ein Open-Source-Tool. Es basiert jedoch auf WordPress und bedarf einer weniger umfangreichen Installation als Pageflow.

Der Code ist auf der Entwicklungsplattform GitHub verfügbar. Mit erweiterten WordPress-Kenntnissen kann man das WordPress-Thema Storyteller deshalb auch nach eigenen Wünschen umbauen und zum Beispiel die Schriftarten nach eigenen Wünschen anpassen. Storyteller kann, wie ein regulärer WordPress-Blog, auf wordpress.com oder auf einer eigenen Webseite eingesetzt werden. In einem Blogbeitrag zu Storyteller bietet Katharina Brunner Personen, die Storyteller ausprobieren möchten, einen Account für ihre Storyteller-Version an.

 

Shorthand

Auch Shorthand erlaubt das Entwerfen von multimedialen Geschichten mit Text, Bild und Video. Auf Pinterest gibt es eine Sammlung von Geschichten, die mit Shorthand entstanden sind. Die BBC produzierte mit Shorthand das Special „Voices from the mall“ über den Überfall auf das Westgate-Einkaufszentrum in Nairobi. Nach Angaben von Shorthand setzt auch das Schweizer Radio und Fernsehen die Storytelling-Lösung ein. Um Shorthand nutzen zu können, muss man unter Angabe einer E-Mail-Adresse für eine Demo bei Shorthand anfragen und erhält anschließend eine Mail, in der man gebeten wird, in einem Online-Formular „Private Beta Information“ preiszugeben. Gefragt wird dann: „Welche Personen in Ihrer Organisation denken Sie würden Shorthand nutzen?“. Shorthand stellte auf Anfrage keinen Testaccount zur Verfügung.

 

Immersive

Das Tool, ebenfalls aus dem Hause Shorthand, kann man kostenlos ausprobieren. Mit Immersive wurde unter anderem die Webdokumentation „Spitzel, Spione und kalte Krieger“ des Schweizer Radio und Fernsehen gemacht, eine audiovisuelle Spurensuche in der Zeit der Schweiz vor dem Mauerfall. Diese Immersive-Story zeigt einen Vergleich zwischen Shorthand und Immersive. Leider unterstützt Immersive nur den aktuellsten Chrome-Browser und Safari-Browser. Wer also auf die Funktionalitäten von Firefox oder anderen Browsern nicht verzichten will, ist mit Immersive schlecht bedient.

 

Storybuilder

Mit Storybuilder von Shorthand lassen sich Online-Storys gestalten und einfach teilen. Die Geschichte wird unter der URL storybuilder.com/namederstory veröffentlicht. In einem Backend, das verbesserungsfähig ist, lassen sich Texte, Bilder und Videos einbauen. Die Rhein-Zeitung setzte mit Storybuilder einen beeindruckenden, in der letzten Woche veröffentlichten Social-Media-Jahresrückblick für 2014 um. Ein Vorteil von Storybuilder: Das Freischalten einer Geschichte für andere Nutzer erlaubt einfaches kollaboratives Arbeiten. Zudem lassen sich bereits fertiggestellte Geschichten in neue Geschichten kopieren und die eigene Story herunterladen. Mit Storybuilder gebaute Geschichte lassen sich sowohl kommentieren als auch direkt in der Storybuilder-Oberfläche auf Facebook und Twitter teilen.

 

Dipity

Mit Dipity lassen sich Timelines gestalten, in die sich Bilder, Videos, Audios und Orte, aber auch Social-Media-Inhalte und Links einbinden lassen. Wie das aussieht, zeigt eine von der US-Zeitschrift „Mother Jones“ veröffentlichte Timeline über die Ölpest im Golf von Mexiko. Dipity ist ebenfalls kostenlos nutzbar, allerdings nur für private, nicht für gewerbliche Zwecke. Dipity bietet auch Premium-Versionen an, die einen höheren Upload erlauben und zum Beispiel ein individuelles Design erlauben.

 

Creatavist

Creatavist wurde von der Medien- und Softwarefirma Atavist entwickelt. Creatavist erlaubt nicht nur den Einbau von Text, Videos, Audios und PDFs, sondern bietet auch Karten an, die eingebunden werden können, sowie Timelines und Slideshows. Ein gesondertes Menü erlaubt detaillierte Einstellungen zum visuellen Erscheinungsbild der eigenen Story. Der Journalist Matthias Eberl hat eine mit Creatavist geschaffene Beispielreportage online gestellt. Im Produktionsprozess kann man bei Creatavist entscheiden, ob die Geschichte später im Web, als App, E-Book oder für den Kindle-Reader veröffentlicht werden soll. Um Creatatavist-Geschichten auf einem iPad oder iPhone lesen zu können, benötigt man jedoch die Creatavist-App.

 

Projeqt

Mit Projeqt kann man Tweets, Audios, interaktive Karten oder Blogeinträge in einer Präsentation zusammenfassen und in Webseiten einbetten. Dabei kann man als Betrachter zwischen drei Ansichtsmodi wählen. Das Britische Rote Kreuz hat Projeqt genutzt, um eine Präsentation zu seinem Kampf gegen die Nahrungsmittelkrise in Ostafrika umzusetzen. Im Test kam es bei Projeqt schon im Anmeldeprozess zu einem Darstellungsproblem bei Firefox.

 

Reported.ly

Um Reportedly nutzen zu können, muss man einen Twitter- oder Facebook besitzen, was im Test zunächst daran scheiterte, dass Twitter für Wartungsarbeiten abgestellt war. Es wurde sich stattdessen über Twitter angemeldet, was dazu führte, dass Reported.ly die Liste der persönlichen Freunde bei Facebook preisgegeben werden musste. Die anschließende Benutzeroberfläche konnte nicht überzeugen.

 

Storehouse

Seit Januar gibt es Storehouse, eine Storytelling-App für Smartphones. Der Storehouse-Chef sagte, laut wsj.com, Storehouse richte sich an Mobil- und Webnutzer, die sich nach mehr visuell gestalteten Geschichten und teilbarem Content, der schön und informativ und nicht nur unterhaltsam ist, sehnen. Storehouse ist auf Apples iPhone und iPad zugeschnitten, für diese Produkte designt und gewann einen Apple-Preis. Erst wenn man auf den Link klickt, um die App zu installieren, erfährt man, dass dafür auch das Apple-Produkt iTunes installiert werden muss.

 

Fazit: Wer neue Wege im Storytelling gehen will, hat allerhand Möglichkeiten. Auffällig ist die Vielzahl an existierenden Storytelling-Tools, die miteinander in Konkurrenz stehen. Wünschenswert wäre neben den vielen verschiedenen Tools, bei denen man als Nutzer kaum weiß, wie sie sich im Detail unterscheiden, ohne sie jeweils ausprobiert zu haben, wenn es ein Tool gäbe, dass die Funktionalitäten vereint. Was die Benutzerfreundlichkeit, die Ankopplung an Social Media oder die Einbindung datenjournalistischer Elemente angeht, haben die meisten Tools noch Verbesserungsbedarf.

Zudem unterscheiden sich die einzelnen Storytelling-Tools bei den mit ihnen produzierten Geschichten optisch wenig. Alle scheinen sie die Vorzeige-Geschichte „Snow Fall“ kopieren zu wollen. Dabei wäre statt „Scrollitelling“ zur Abwechslung auch mal etwa horizontales Klicken denkbar,  abwechslungsreiche Einblendungen, wie man sie von Powerpoint-Animationen kennt oder ein Bewegen in der Fläche wie bei dem Präsentationsprogramm Prezi. Zudem sind die einzelnen Tools untereinander kaum kompatibel. Positiv zu bewerten ist jedoch, dass eine Reihe der Tools kostenlos nutzbar sind.

Auf jeden Fall lässt sich sagen, dass Storytelling erst ganz am Anfang steht und es sich nicht nur um einen kurzfristigen Trend handelt, sondern um eine neue Entwicklung im Journalismus. Das vorhandene Angebot bietet eine Reihe viel versprechender Ansatzpunkte.

4 Kommentare zu diesem Artikel


  1. Es fehlt die das aesop-storytelling-Plugin für WordPress. Damit kann man sowas bauen:

    http://www.wunder-welt-reisen.de

  2. Beat Hürlimann

    Vielen Dank für den spannende Beitrag. Es hat ein paar Tools dabei, die ich noch nicht gekannt habe. Zauberkünste, nein, wenn es um die Plattformen geht, weil in der Tat immer mehr einfache Tools zur Verfügung stehen. Zauberkünste ja, wenn es darum geht, Stories zu schaffen, die auch auf Resonanz stossen. Hier kommt knallharte Arbeit auf uns zu. LG Beat Hürlimann

  3. Vielen Dank für die tolle Zusammenstellung. Eine aktuelle Ergänzung: Auch der Bayerische Rundfunk hat gestern sein Storytelling-Tool Linius (http://story.br.de/linius/) als Open-Source-Software zur freien Nutzung bereitgestellt. Funktioniert in Kombination mit WordPress und eigenem Webspace. Erfolgreiches Storytelling allerseits!
    LG Andreas Berens, http://stories4brands.com

  4. Hallo zusammen. Also mit dem Titel des Posts fange ich wenig an. Oder soll er primär Aufmerksamkeit bringen und ich versteh die Pointe nicht? Geschichtenerzähler war gestern uns ist heute immer noch. Die Geschichten beginnen meiner Meinung nach nicht bei den Tools bzw. der zur Verfügung stehenden Technik, sie beginnen, man könnte auch sagen, sie stehen und fallen mit dem Plot, mit den darin enthaltenen Konflikten, mit der Veränderung mit den handelnden Personen.

    Die Aufzählung der Tools ist super umfangreich. Andererseits entbinden Publizisten diese technischen Möglichkeiten nicht von der Notwendigkeit des Erzählers guter Geschichten. So ist auch nicht jeder Storify-Nutzer automatisch ein guter Erzähler. In Anlehnung an den bekannten Spruch glaube ich, dass ein schlechter Erzähler mit einem Werkzeug ein schlechter Erzähler bleibt.


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