10.12.2014

“Seien Sie nicht entmutigt, wenn Sie lesen, wie Gruner und Jahr Leute entlässt”

Jörg Sadrozinski ist seit 2011 Leiter der Deutschen Journalistenschule in München. Im Interview mit torial rät er jungen Journalisten, sich von der ökonomischen Unsicherheit nicht entmutigen zu lassen.

7453773034_1c96223b42_k

Herr Sadrozinski, Sie sind seit 2011 Leiter der Deutschen Journalisten Schule (DJS) in München. Wie hat sich die Ausbildung dort in den letzten Jahren verändert?

Wir überprüfen und verändern den Lehrplan eigentlich ständig, so wie sich Medien derzeit stark verändern, so ändert sich auch die Ausbildung. Wir versuchen immer wieder, interessante Projekte mit verschiedenen Medienpartnern zu starten. Vor kurzem haben wir zum Beispiel eine Summer School mit jungen Journalisten aus Südosteuropa gemacht, dabei ging es um eine datenjournalistische Betrachtung zum Thema Essen. Dabei haben die Teilnehmer eine Woche lang in unterschiedlichen Datenquellen recherchiert, um darüber an Geschichten zu kommen.  Auch Verschlüsselungstechniken standen dabei auf dem Lehrplan.

Bis vor einem Jahr hatten wir auch noch eine Altersgrenze für Bewerbungen, die wir aber aufgrund  des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes abgeschafft haben. Das hat unter anderem dazu   geführt, dass wir jetzt auch eine 37-jährige Kriminalkommissarin aus Hannover bei uns als Schülerin haben. Journalismus ist immer ihr Traum gewesen und sie hat nur darauf gewartet, dass wir endlich die Altersgrenze abschaffen. Insofern bin ich froh, dass es die Beschränkung nicht mehr gibt.

Sie haben 1998 bei der ARD tagesschau.de aufgebaut. Wie sehen Sie die Situation des Onlinejournalismus in Deutschland heute?

Ich glaube wir sind gerade in einer Phase, wo bereits überwunden geglaubte Vorurteile wieder aufkommen. An Fällen wie dem von Stefan Plöchinger oder Wolfgang Büchner kann man doch ganz deutlich sehen, dass es immer noch massive Aversionen gegen Onlinejournalisten gibt. Das Problem ist auch, dass Onlinejournalismus immer noch so schlecht bezahlt wird. Die Besten wollen oft kein Online machen, weil in den Redaktionen kein Geld dafür da ist, bzw. dieses in andere Kanäle fließt. Die Honorare von Onlinejournalisten innerhalb der Redaktionen müssten angeglichen werden, das Medium sollte keine Rolle spielen. Das wird aber nicht automatisch passieren, sondern nur über Druck.

Woher kommt der Widerstand?

Es gibt da innerhalb der Redaktionen klare Verteilungskämpfe. Der Intendant des NDR sagte mir einmal, zuerst komme für ihn Fernsehen, dann lange nichts, dann komme Radio und erst dann irgendwann Online. Je stärker Radio und Fernsehen unter Druck geraten, desto mehr versuchen diejenigen, die dafür Verantwortung tragen, die journalistische Qualifikation von Onlinejournalisten in Zweifel zu ziehen. Schlicht und einfach weil diese ihre Etats gefährden. Von einem Journalismus auf Augenhöhe sind wir in Deutschland noch weit entfernt, unter anderem deshalb, weil Online erst groß wurde, als es schon nichts mehr zu verteilen gab.

Gruner & Jahr baut gerade massiv Stellen ab und auch sonst ist die ökonomische Situation im Journalismus nicht gerade rosig. Wie sind die Berufsaussichten Ihrer Schüler nach der Ausbildung?

Es ist natürlich mittlerweile schon ein bisschen schwieriger geworden als damals, als ich die Schule absolviert habe. Ich habe zwei Bewerbungen abgeschickt und konnte dann direkt als Redakteur anfangen. Es kommt aber immer wieder vor, dass unsere Schüler direkt im Anschluss eine Festanstellung bekommen. Eine Schülerin hat gerade eine Redakteursstelle bei NEON erhalten, ein anderer ist beim Managermagazin gelandet, einige arbeiten als Pauschalisten bei der Süddeutschen Zeitung.

Wir bereiten die Leute aber auch gezielt darauf vor, nach der Schule erst einmal selbstständig zu arbeiten. Unter anderem veranstalten wir ein zweitägiges Seminar mit dem Titel „Frei sein als Chance“, in dem es um alle Themen rund um das Freiendasein, also auch zum Beispiel um Steuerfragen geht. Wir wollen das in Zukunft auch noch stärker ausbauen. Wenn unsere Schüler aus der Schule raus sind, können sie alle Kanäle bespielen. Dadurch, dass wir so ein großes Alumni-Netzwerk haben, ergibt sich dann auch die ein oder andere Stelle oder freie Mitarbeit.

Wie schätzen Ihre Schüler die berufliche Situation ein?

Unsere Schüler wissen genau, was nach der Schule auf sie zukommt und dass die Situation nicht einfach ist. Wenn Dozenten dann erneut darüber sprechen, rollen die Schüler oft schon mit den Augen, weil sie es nicht mehr hören können.

Gleichzeitig glaube ich aber, dass es gerade eine ganz gute Zeit für junge Journalisten ist. Ich stelle immer ganz neidvoll fest, dass es zu meiner Zeit nie so tolle Recherche-Stipendien gab, um im Ausland zu arbeiten. In der Ausbildung werden die Absolventen auch darauf vorbereitet, eigene Projekte zu realisieren und dadurch an Geld zu kommen.

Da gibt es heutzutage viele ganz unterschiedliche Wege und Möglichkeiten. Zwei Schülerinnen haben über Crowdfunding ein Projekt in Brasilien realisiert, eine andere reist über diese Art der Finanzierung durch Deutschland und begibt sich auf Wortwalz. Ich kann allen jungen Journalisten nur sagen: Seien Sie nicht entmutigt, wenn Sie jetzt lesen, wie G+J Leute entlässt. Ich glaube nicht, dass Journalisten in Zukunft nur noch in prekären Lebensverhältnissen arbeiten werden.

Was ist für Sie der Vorteil einer Journalistenschule gegenüber einem Volontariat?

Das Netzwerk spielt sicher eine große Rolle. Bei einem Volontariat sind Sie aber auch jeden Tag voll eingebunden und müssen die ganze Zeit produzieren. Natürlich gibt es da meistens auch einen Mentor, der ihre Beiträge noch einmal korrigiert, aber grundsätzlich müssen Sie performen. Eine Journalistenschule ist dagegen noch viel mehr ein geschützter Raum in dem man sich ausprobieren kann. Man kann auch einmal gegen die Wand laufen, man darf scheitern.

Darüber hinaus sind die sozialen Kontakte innerhalb der Klasse aber auch sehr intensiv. Da entstehen echte Freundschaften, einige lernen auf der Schule sogar ihre Lebenspartner kennen.

 

Foto: flickr | DW | CC-BY-NC 2.0

 

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in: JOURNALISMUS & NETZ

1 Trackbacks/Pingbacks

  1. Jonet Das Journalistennetz. Seit 1994. » Medienlog 10. -12. Dezember 2014 12 12 14

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.