22.12.2014

Das war der Crowdspondent-Sommer

Wir waren drei Monate als Reporter unserer Crowd in Deutschland unterwegs und haben das recherchiert, was unsere Leser und Zuschauer wollten. Es waren drei wahnsinnig anstrengende, aber auch überraschende Monate. Zeit für ein kleines Fazit! Hier acht Dinge, die uns unterwegs aufgefallen sind, die wir gelernt oder die wir uns gefragt haben:

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1. Vertrau der Crowd

Unsere Crowd hatte viele Ideen. Sie schickte uns zu Flüchtlingen, die in den 90ern nach Deutschland gekommen sind, ließ uns eine Borderline-Patientin in der Psychiatrie besuchen oder schickte uns im Hochsommer in einen Weihnachtsort. Wir übernachteten in einer Höhle, einem Kloster, einem Seemannsheim und im Zirkus. Wir haben darauf geachtet, dass der Crowdspondent-Sommer möglichst abwechslungsreich wird. Dank der Leser hat das auch geklappt. Was uns überrascht hat, war, dass unsere Leser interessiert an langfristiger Berichterstattung waren und sich besonders beim Flüchtlingsthema extrem aktiv eingebracht haben. Blödel-Vorschläge kamen praktisch gar nicht vor, PR-Wünsche haben wir ausgesiebt, übrig blieb ein bunter Themen-Mix. Und bei der Umsetzung haben wir ebenfalls ständig die Crowd gefragt. Ob Technikprobleme oder Protagonistensuche: Es gab immer eine kluge Leser_in, die uns weiterhalf. Oder eine kluge Zuschauerin. Denn dieses Jahr wanderte Crowdspondent…

2. …vom Internet ins Fernsehen

Wir hatten wahnsinniges Glück: Knapp drei Wochen vor dem Start unserer Sommertour meldete sich die ARD bei uns: Ob wir ein eigenes TV-Format auf EinsPlus haben wollen? Klar wollten wir, obwohl wir anfangs nicht ganz sicher waren, wie gut das funktionieren würde. Unsere Kameras haben wir uns letztes Jahr gekauft, um in Brasilien ein paar Fotos zu machen und eine Youtube-Doku. Aber wir haben sie sicher nicht mit dem Hintergedanken gekauft, dass wir damit mal unsere eigene Sendung aufnehmen würden. Unser Projekt vom Internet ins Fernsehen zu tragen klappte, auch wenn uns zwischendrin ein paar Krissel-Bilder und schlechte Töne ins TV gerutscht sind. Das lag auch daran, dass wir am Ende zu überarbeitet waren, um auf Feinheiten zu achten. Einige Male fragten wir uns:

3. Wie viel ist zu viel?

Eine Kolumne auf jetzt.de, eine Fernsehsendung, Wahnsinn! Aber auch: Eine Wahnsinns-Arbeit. Und wenn wir ganz ehrlich sind: Besonders gegen Ende war es zu viel Arbeit für zwei Personen. Drei Monate lang durften wir nicht krank werden und hatten bis auf ein freies Wochenende keine Freizeit. Beim nächsten Mal müssen wir unsere Arbeit besser strukturieren, mehr Pausen einplanen einfach auch mal nein sagen.

4. Selbstkritik

Denn natürlich ist nicht jede Woche so gut gelaufen, wie wir uns das gewünscht haben. Manchmal fiel uns auf, dass wir wichtige Fragen nicht gestellt haben. Einmal ist unser Mikrofon ausgefallen. Ein anderes Mal haben wir mitten in der Nacht den Text eingesprochen und klangen wie Schlaftabletten. Dennoch: Über vieles haben wir uns geärgert, aber nie darüber, dass wir die Reise gewagt haben.

5. Und was meinten die anderen?

Die, nennen wir sie mal, Normalo-Zuschauer haben überwiegend positiv reagiert und bis auf einen Leser, der sich über unser Zahnfleisch lustig gemacht hat (damit muss man leben, wenn man seine Fresse ständig in eine Kamera hält), war die Kommentarkultur auf unserem Blog und unserer Facebook-Seite sehr konstruktiv. Die Resonanz war viel viel besser als wir uns das erhofft hatten. Die User_innen mit Journalismus-Hintergrund (ja, davon haben wir auch einige) waren kritischer, was die Themenauswahl betrifft und die Frage…

6. Wie persönlich darf’s denn sein?

Unser Markenzeichen ist, dass wir die „Persönlichen Reporter“ der Crowd sind. Das heißt: Jede Leser_in, jede Zuschauer_in weiß, wer da für sie recherchiert. Das bedeutet zwangsläufig auch: Wir sind immer in gewisser Weise Teil der Story, wir sind sozusagen die Moderatorinnen der Gesamthandlung. Wir sind stellvertretend für die Crowd vor Ort. Das finden einige Leute super, weil sie Journalistinnen haben, denen sie glauben und die sie kennen. Mehrere Protagonisten haben uns gesagt, dass sie nur deshalb vor unsere Kamera getreten sind, weil sie unsere Art, Geschichten zu erzählen, mögen und uns als Journalistinnen vertrauen. Andere Leute finden unser Storytelling schwierig. Sie sagen, wir drängen uns zu sehr in den Vordergrund. Wie persönlich wir sein dürfen, sein wollen, sein müssen – so ganz haben wir es noch nicht herausgefunden. Wir werden damit weiter herumexperimentieren. Geld für das Projekt werden wir hoffentlich zusammen kriegen. Wir glauben:

7. Ja, Leute wollen für Journalismus bezahlen

Unser Crowdfunding lief super. In vier Wochen haben wir 5300 Euro eingesammelt, so dass die Recherchekosten komplett abgedeckt waren. Wir haben gemerkt: Ja, es gibt Menschen, die für Journalismus bezahlen wollen. Auch während wir unterwegs waren, haben uns immer wieder Leute angeschrieben, die uns Geld spenden wollten. Wir haben diese Spendenangebote den Sommer über nicht angenommen, weil wir dank der TV-Sendung ausreichend Geld hatten, um davon leben zu können. Wir haben deshalb diese Leute aufs nächste Jahr verwiesen und hoffen, dass unsere Leser und Zuschauer bei unserem nächsten Crowdfunding-Projekt dabei sind. 2015 soll es übrigens wieder ins Ausland gehen. Wohin verraten wir noch nicht. Aber weiter gehts auf jeden Fall, denn:

8. Jetzt ist die Zeit, um was auszuprobieren

Es war nie einfacher, als Journalist etwas selbst zu produzieren und zu verbreiten. Die Technik dafür trägt jeder meistens schon in seiner Tasche mit sich herum. Heute ist die beste Zeit, um als Journalist etwas auszuprobieren. Wir schaffen jetzt die Strukturen, innerhalb derer wir in fünf, in zehn Jahren arbeiten werden. Wenn es deinen Job nicht gibt, dann erfinde ihn! Natürlich, etwas zu machen ist immer schwieriger als darüber zu reden. Aber es macht auch mehr Spaß. Außerdem lernt man in kurzer Zeit verdammt viel.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in: Ideen, Chancen, Risiken, JOURNALISMUS & NETZ
  • Über Crowdspondent

    Lisa Altmeyer und Steffi Fetz sorgten dieses Jahr mit ihrem Projekt Crowdspondent für Aufsehen. Im Auftrag der Crowd reisten sie quer durch die Republik. Mittlerweile ist Steffi Redakteurin bei vydy.tv, unter anderem für Klub Konkret (ARD/Einsplus). Lisa arbeitet als freie Journalistin unter anderem für PULS TV (Bayerischer Rundfunk) und verschiedene Online- und Printmedien.

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