05.12.2014

Animierter Journalismus – viral, schnell und computergeneriert

Die Zukunft wird in Seitenstraßen fabriziert. Diese hier heißt Sing-ai und in Lane 141, Hausnummer 39 steht ein unscheinbarer Bau. Sieben Stockwerke hoch, hier fährt keine Metro hin und erst zwei Blocks weiter ist das nächste Cafe.

Ich bin in Taipeh, es regnet und ich besuche Next Media Animation – eins der größten 3D Animationsstudios in ganz Asien, nach Eigenangaben auch das Schnellste. Was ganz praktisch ist, denn Next Media Animation setzt auf animierte Nachrichtenvideos. Denn die, so verkündet es die Internetseite des Unternehmens, sind die Zukunft des Journalismus. Und die hat 2009 so richtig angefangen, als ein in Teilen fiktiver und animierter Bericht von Next Media über einen Autounfall des Golf Spielers Tiger Woods über 1,7 Millionen mal aufgerufen wurde. Die New York Times erfand daraufhin den schönen Begriff des „Maybe Journalism“ und fasste prägnant zusammen: wie ein Computerspiel auf Grundlage von reinen Mutmaßungen zusammengebastelt.

24 animierte Videos am Tag

Fünf Jahre später gibt es Next Media Animation immer noch. Auch wenn hier im oberen Stockwerk, da wo die Storywriter sitzen, an diesem vormittag noch nicht so richtig viel los ist. Schließlich sei man 24 Stunden besetzt, erklärt mir Michael Logan, der Director for Content Development, und verweist auf die zwei unteren Stockwerke wo die Teams säßen. Insgesamt arbeiten hier 500 Menschen an Auftrags- und Eigenproduktionen. Rund 24 animierte News-Videos würden täglich produziert, sagt Logan. Jedes Video brauche etwa drei Stunden von der Idee bis zum fertigen Produkt.

Next Media Animation setzt auf zwei unterschiedliche Ausspielwege. Zum einen gibt es in Partnerschaft mit der Nachrichtenagentur Reuters ein Abo-Modell, genannt News Direct. Medienanbieter können hier auf eine bestimmte Anzahl von animierten Videos, zum Beispiel Breaking News oder Erklärstücke aus den Bereichen Wissenschaft und Technologie zurückgreifen und diese bei Bedarf selber sprachlich anpassen.

Injizierung von Kot

Mit TomoNews hingegen versucht Next Media Animation, direkt Nutzerinnen und Nutzer im Netz zu erreichen – via Website, App und verschiedenen sprachlich angepassten YouTube-Kanälen. Da sich dieser Bereich aus Werbung finanzieren soll, liegt der Fokus hier klar auf Masse. Und die versucht man mit einer Mischung aus grellen, abseitigen, plakativen Stories zu ködern. Irgendwo zwischen Buzzfeed und Vice, mit bisweilen kaum noch erkennbarem journalistischen Anspruch. Die Hauptsache: hier verbreitet sich eins von etwa zehn Videos viral. Das Kurzvideo, das demonstriert, wie eine amerikanische Frau versucht ihren Mann mit der Injizierung von Kot umzubringen, kommt allerdings nur auf 3.500 Views.

Man könnte sich an dieser Stelle abwenden, den Kopf schütteln und sich leise fragen: Was soll der Mist? Aber das wäre etwas schnell geurteilt. Denn die Chance, Situationen, bei denen keine Kamera lief, mit Hilfe von Animation in sehr kurzer Zeit nachzubauen, bietet spannende Einsatzszenarien jenseits von Sensationsgier. Vor allem, wenn man die neuen und langsam aufkommenden Möglichkeiten von Virtual Reality Gerätschaften wie der Oculus Rift mit in Betracht zieht. Verwiesen sei hier auf das umfangreiche Werk von Nonny de la Peña und den guten einführenden Artikel: Is Virtual Reality The Future Of Journalism?

Angesprochen auf die Möglichkeiten von Newsgames und Virtual Reality hält sich der Director for Content Development bei Next Media Animation zurück. Vielleicht werde das ja ein massenkompatibles Phänomen, sagt Logan, dann könne man sich prinzipiell vorstellen in diesem Bereich etwas zu machen. Um Geld damit zu verdienen, sei es allerdings noch zu früh. In der Entwicklungsabteilung einige Stockwerke tiefer gebe es aber bereits erste Versuche mit der Oculus. Mal sehen wie viel Zukunft Next Media Animation im Jahr 2019 zu bieten hat.

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