04.11.2014

Einfach Schneiden

Günstige Schnittsoftware für Podcaster und Radiojournalisten

Für Podcaster oder Radio-Journalisten, die nach einer preiswerten Einstiegs Schnitt-Software suchen, ist  Audacity üblicherweise die erste Anlaufstation. Die Open-Source DAW (Digital Audio Workstation) läuft auf sämtlichen Betriebsystemen, bietet eine solide Rauschunterdrückung und kann auch sonst einiges von dem, was ihre kommerziellen Geschwister können. (Gute Einführungen in Funktionen und Befehle finden sich hier und hier.) Allerdings hat die Software auch ihre Nachteile: Effekte können nicht in Echtzeit bearbeitet werden, importierte Clips werden umständlich in einer neuen Spur geöffnet, bei Aufnahmen hat es immer mal wieder mit Stabilitätseinbrüchen zu kämpfen. Vor allem aber arbeitet Audacity destruktiv: Schnitte oder aufgelegte Effekt lassen sich nur in der Reihenfolge der Bearbeitungsschritte rückgängig machen – womit automatisch auch alle anderen dazwischen durchgeführten Arbeitsschritte annulliert werden.

Branchenstandards wie Pro-Tools oder Audition starten dagegen selbst in den preisreduzierten Studenten-Versionen erst bei rund 300 Euro und bieten dabei einen Funktionsumfang, den man als Radiojournalist kaum jemals ausschöpfen kann oder muss.

Hindenburg Journalist

Hindenburg.php

Hindenburg ist Kontrast-Programm. Die Schnittsoftware des kleinen dänischen Entwicklers Hindenburg Systems läuft unter Windows und OSX und richtet sich explizit an Podcaster und Radiomacher. Statt auf unzählige Features und Effekte setzt es auf intuitive Bedienbarkeit und eine aufgeräumte Benutzeroberfläche. Auf den ersten Blick wirkt der Funktionsumfang selbst im Vergleich mit Audacity regelrecht spartanisch, bietet aber quasi alles was man braucht. Sämtliche Funktionen – schneiden, trimmen, Blenden setzen – können einfach mit Maus über Anfasser oder über Hot-Keys ausgeführt werden. Akustische Atmo-Betten zu bauen ist eine Sache von zwei Clicks und damit ein echter Spaß. Auch für Anfänger erklärt sich Hindenburg fast von selbst. Für offene Fragen gibt es Video-Tutorials (auf Englisch) und Step-by-Step Anleitungen (die an der ein oder anderen Stelle noch etwas ausführlicher ausfallen könnten).

Auch in Sachen Ressourcenbedarf gibt sich Hindenburg angenehm bescheiden. Seine geringen Systemanforderungen und sein übersichtlicher Arbeitsspeicherbedarf sind selbst für betagte Rechner problemlos zu bewältigen.

Anders als bei Audacity werden Audioclips in bestehende und ausgewählte Spuren gelegt. Besonders praktisch: Töne lassen sich auch erst einmal in einer Zwischenablage parken. Das sorgt für Ordnung am Schnittplatz. Die vier voreingestellten Spuren können dabei um beliebig viele Spuren erweitert werden.

Die Ausrichtung auf Radiomacher zeigt sich schon in einem der zentralen Komfort-Features, dem Auto-Level: Sämtliche O-Töne werden beim Import automatisch analysiert und in der Lautstärke angepasst. Dabei orientiert sich Hindenburg an der  sogenannten Lautheitsrichtline der European Broadcast Union mit dem klingenden Namen R128. Das Programm kann dabei zwischen Sprache und Musik unterscheiden und regelt Sprecheraufnahmen und Interviewtöne automatisch 2 DB lauter. Das klingt im Test ziemlich überzeugend und spart Zeit und Nerven, die ansonsten für das lästige Nachjustieren draufgehen.

Beim weiteren Feintuning hilft Hindenburgs spezielle Wellenform. Die hellere Farbe zeigt hier den Spitzenwert an. Die dunklere den Effektivitätswert RMS, stellt also dar, wie laut das Signal effektiv klingt. Wenn man bei der Schlussmischung darauf achtet, dass sich der dunkle Bereich auf einem Level befindet, sendet man später (recht) sicher im grünen Bereich.

Hindenburgs spektrale Wellendarstellung hat allerdings auch einen nicht unwesentlichen Nachteil: beim Test fiel es schwer, Ähs und Atmer optisch zu identifizieren. Die Software scheint insgesamt eher darauf ausgelegt nach Gehör und per Scrub-Funktion zu schneiden. Sicher alles eine Frage der Übung oder der persönlichen Vorliebe. Aber die Möglichkeit, auch klassische Wellenform anzeigen zu lassen, stünde auf meiner Wunschliste für zukünftige Updates an oberster Stelle.

In Sachen Effekten gibt sich Hindenburg eher schlank. Es gibt einen Kompressor, der tut was er soll, und einen Equalizer, dessen Kurve auch komfortabel über Mausziehen angepasst werden kann. Externe Plugins lassen sich problemlos einbinden.

Ein weiteres interessantes Feature, das Podcastern und Radiomenschen die Arbeit erleichtern soll, ist das sogenannte Stimm-Profil. Auf die Sprecherspur angelegt analysiert es die Stimme, um aus ihr das klangliche Optimum heraus zu holen und für gleich bleibende Klangqualität zu sorgen. Da die analysierte Audiospur dabei als Referenz benutzt wird, ist es natürlich optimal, wenn man eine möglichst gut klingende Aufnahme auf Lager hat, um das Tool entsprechend anzufüttern. Gerade dann leistet der One-Klick-Tontechniker ziemlich eindrucksvolle Arbeit.

Mit der Pro-Version lassen sich Skype-Interviews direkt im Programm aufnehmen. Außerdem bietet sie neben einem Loudness-Meter auch die Möglichkeit, Stimm-Profile zu individualisieren (Tricks und Kniffe, was man mit den Basis- und Sonderfunktionen von Hindenburg alles anstellen kann, finden sich hier). Dafür schlägt die Pro-Version auch mit professionellen 350 Euro zu Buche. Die Basisversion Hindenburg-Journalist ist für verträgliche 85 Euro zu haben. Beide können wie üblich 30 Tage getestet werden.

Für Podcaster möglicherweise ein Problem: Hindenburg erlaubt bislang nur Aufnahmen mit zwei Spuren. Wer hier größeren Bedarf hat, kann sich etwa an einer der zahlreichen Lite-Versionen der ‚großen’ Musik-Audio Workstations versuchen. Da diese abgespeckten Versionen im Vergleich zu ihren großen Geschwistern vor allem bei der Anzahl der Spuren und Effekte sparen, ist man mit ihnen für kurze Radiostücke völlig ausreichend gerüstet. Spottbillig sind sie außerdem: Eine Vollversion von Magix Samplitude Silver (Windows only!), gibt es beispielsweise als Heftbeilage im RecMag für einen Griff in die Kaffekasse hier zu bestellen.

Samplitude Silver

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Inklusive Versandkosten liegt die Version bei humanen 8,60 Euro und ist auf acht Audiospuren beschränkt. Wer nicht gerade Hörspiele oder komplexe Features plant, sollte damit allerdings völlig ausgelastet sein. Die hübsche Benutzeroberfläche ist zwar naturgemäß überladener als Hindenburgs Arbeitsplatz. Aber um Einsteiger nicht allzu sehr zu überfordern, lassen sich unterschiedliche Anzeige- und Bearbeitungsmodi auswählen: Von Easy bis Power-User. Natürlich sind auch die Effektausstattung wie die Anpassungsmöglichkeiten üppiger als bei Hindenburg. Etwa bei der Feinjustierung der Fades lässt sich deutlich freier herumtüfteln. Auch die Darstellung der Wellenform kann komfortabel an die eigenen Bedürfnisse angepasst werden. Akustischer Feinschnitt nach Auge ist dementsprechend vergleichsweise einfacher als bei Hindenburg.

Für die bessere Übersichtlichkeit, können die Spuren unterschiedlich eingefärbt werden. Das sorgt nebenbei auch für einen bunten Retro-Look, der ein wenig an die Geocities-Seiten aus den Urgründen des Internets erinnert.

Auf Radio-kompatible Komfortfunktionen wie Hindenburgs Autolevel muss man zwar verzichten. Eine Lautheitsanpassung kann dennoch vorgenommen werden.

Beim Trimmen oder Faden über den Anfasser bietet Samplitude die Möglichkeit, durch das gleichzeitige Drücken der Umschaltaste noch feiner zu Arbeiten. Eine Funktion, die Hindenburg abgeht. Dafür fühlt sich Hindenburg beim Arbeiten mit der Maus insgesamt einen kleinen Tick besser an: Die Anfasspunkte sind besser zu sehen und das Trefferfeedback unmittelbar und ziemlich befriedigend.

Cubase 7 LE

Cubase

Bei größerem Bedarf an Bearbeitungsspuren, ist beispielsweise die Lite-Version von Steinbergs Cubase eine preiswerte Option. Die Vollversion von Cubase Le 7 ist hier für rund 17 Euro zu haben und bietet 16 Audio-Spuren. Ansonsten nehmen sich die Konkurrenten beim Funktionsumfang nicht allzu viel. Während Cubase ursprünglich vom Midi kommt, liegen Samplitudes Urgründe in der Audioaufnahme. Beide DAWs haben mittlerweile ihre jeweils blinden Flecken weitestgehend aufpoliert. Handling und Workflow unterscheiden sich aber durchaus. Cubase Hotkeys sind für meinen Geschmack etwas konterintuitiv gesetzt, lassen sich aber problemlos den eigenen Bedürfnissen anpassen (Einsteigertipps finden sich hier). Das etwas umfangreichere Cubase Elements liegt mit 79 Euro in der Preisklasse von Hindenburg Journalist und unterstützt bis zu 48 Audiospuren.

Wer an Spuren und Effekten einfach nicht genug bekommt, aber nicht gleich mehrere hundert Euro für eine Pro-Version hinblättern will, sollte sich den – nicht mehr ganz so geheimen – Geheimtipp Reaper mal genauer anschauen.

Reaper

Reaper

Die von Winamp-Macher Justin Frankel entwickelte DAW fährt nicht zuletzt für sein unschlagbares Preisleistungsverhältnis hymnische Kritiken ein. Für professionelle Nutzer und Geschäftskunden kostet sie 170 Euro. Privatkunden und Freelancer mit einem Jahresumsatz unter 15.000 Euro zahlen nur schlappe 45 Euro. Der Clou: Beide Lizenzen bieten den gleichen unbeschränkten Funktionsumfang. Die professionelle Audiosoftware mit Open-Source Charme gibt es mittlerweile auch auf Deutsch und kann dank diverser Skins optisch an die eigenen Vorlieben angepasst werden.

Apropos Vorlieben: Bei der Wahl einer Audio Workstation gilt grundsätzlich ähnliches wie beim Kauf von Schuhen und Schlüppern. Entscheidend sind der eigene Geschmack und das persönliche Komfortgefühl. Nur beim Ausprobieren und Eintragen kann man feststellen, mit welchem der Tools man sich im Endeffekt am wohlsten fühlt.

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