15.09.2014

Mehr Journalismus waltern

Wir haben in Deutschland nicht nur eine Krise des Geschäfts mit Journalismus, wir haben auch eine Krise der Leidenschaft und des Muts. Filmheld Walter Mitty hatte unserem Autor Kai Schächtele dazu etwas zu sagen.

 

Schreiben ist für mich wie Klavierspielen. Thilo Mischke hat in seiner Beschreibung der Krise, in der unser Beruf gerade steckt, erzählt, wie er beim Schreiben schwitzt. Wenn ich vor dem Bildschirm sitze, kommt mir meine Arbeit in guten Momenten vor, als würde ich an einem Flügel sitzen und improvisieren. Meine Finger spazieren über die Tasten. Ein Buchstabe ergibt den nächsten, nach einer natürlichen, logischen Abfolge, die ich mir manchmal selbst nicht erklären kann. Und gelegentlich streichle ich unbewusst über die Tastatur, um vor dem nächsten Akkord kurz inne zu halten. Ins Schwitzen komme ich nur, wenn ich darüber nachdenke, wie wenig am Ende eines solchen Akts oft herausspringt.

Als ich mich vor acht Jahren entschied, selbständig zu arbeiten, tat ich dies in der Überzeugung, dass es in unserem Beruf einen Zusammenhang gibt zwischen der Qualität der Arbeit und den Einnahmen, die sich daraus erzielen lassen. Ich war sicher: Wenn ich mich professionell verhalte, mich an Absprachen halte und gute Produkte liefere, werde ich ein gutes Auskommen haben. Ich habe Konzepte für Podcasts entwickelt und sie an Verlage verkauft. Habe Buchexposés und Themenvorschläge verschickt. Anfangs habe ich mich auf dem richtigen Weg gewähnt. Ich hatte zwei wöchentliche Podcasts, schrieb gemeinsam mit einem Kollegen mein erstes Buch (über die tragische Geschichte des österreichischen Fußballs, seltsamerweise von der Welt weitgehend ignoriert) und habe auf meinem Computer Klavier gespielt. Bis ich irgendwann einsehen musste, dass meine Arbeit und ihre Honorierung weitgehend voneinander entkoppelt waren. Das ist auch kein Wunder. Es gibt zwischen beiden Sphären wenig Verbindung. Die redaktionellen Abläufe finden in den Verlagen weit weg von den betriebswirtschaftlichen statt. Oft genug haben sich die Redakteure selbst gegrämt, wie sie mit mir umspringen mussten.

Zeitgleich zu unserer Gründung von Freischreiber im November 2008, dem Verband freier Journalistinnen und Journalisten, hat Gruner + Jahr die Einrichtung der Wirtschaftsmedien verkündet. Es war der Startschuss für die weitere Erosion der Arbeitsbedingungen für Freie. Sie waren deshalb die ersten, die auf dem eigenen Konto verfolgen konnten, wie sich unser Beruf verändert. Die Angst, die, wie Thilo eindrucksvoll beschreibt, jetzt viele Festangestellte erfasst, haben sie schon viel früher kennengelernt. Ich habe daraus insofern die Konsequenz gezogen, als ich auf Felder ausgeschert bin, wo man mich gut bezahlt, und mir den Journalismus selbst querfinanziert habe. Ich habe dabei aber auch gemerkt, wie sehr es einen auf Dauer auszehrt, dass in unserer Branche etwas grundsätzlich schief läuft.

Denn für den internen Preisverfall sind in erster Linie Verteilungskämpfe verantwortlich. In einer Zeit, in der die Einnahmen sinken, werden die Budgets kleiner und die obligatorischen Sparmaßnahmen als wirtschaftliche Notwendigkeit verkauft. Von dieser Notwendigkeit waren aber lange Zeit nicht alle gleichermaßen betroffen. Während die Etats für Freie zusammengestrichen wurden, erhielten die meisten Festangestellten bei Magazinen und Zeitungen nach wie vor Gehälter aus einer Zeit, als die Nachrichtenmeldungen noch aus dem Ticker ratterten. Die Freien sind aber nicht die einzigen, die zu schlucken hatten. Auch Online-Redakteure verdienen bis heute deutlich weniger als ihre Printkollegen. Das kann niemand mehr vernünftig erklären, der noch ernst genommen werden möchte. Auf der einen Seite wird der Unterschied damit begründet, dass die Einnahmen im Netz noch immer deutlich geringer ausfallen als im Gedruckten. Auf der anderen Seite heißt es, dass ein gutes Online-Angebot nötig sei, um die Attraktivität des Printprodukts auch für Anzeigenkunden zu steigern. Die Onliner sorgen mit ihrer Arbeit also dafür, dass Zeitungen und Magazine höhere Anzeigenpreise erlösen, und werden dafür zum Dank schlechter bezahlt. Ein Wunder, dass unter solchen Bedingungen überhaupt noch Leute Lust haben, jeden Morgen ins Büro zu gehen.

Was wir im Moment erleben, ist keine Krise des Erzählens oder des Journalismus an sich, wie viele denken. Es ist eine Krise des Geschäfts mit Journalismus. Und wer die ausgezeichnete arte-Dokumentation „Die virtuelle Feder – Journalismus von morgen“ gesehen hat, weiß, dass wir diese Krise nicht exklusiv haben. Weltweit ringen Journalisten darum, wie es mit unserem Beruf weitergehen soll. Und die Zeit läuft. In der Doku wird die Studie eines australischen Forschers zitiert, der das globale Zeitungssterben prognostiziert: 2017: USA. 2019: Großbritannien. 2030: Deutschland. Die Amerikaner hätten wahrscheinlich gern unsere Sorgen.

Was aber auch deutlich wird, ist, dass die Kollegen in der Ferne, vermutlich aus schierer Not, sehr viel weiter und passionierter sind bei der Such nach Geld. Die New York Times hat inzwischen 700.000 Online-Abonnenten. Während sich bei uns Chefredaktionen zerlegen über die Frage, ob, wann und wie sie Paid Content einführen sollen. Beim Guardian unternimmt ein arrivierter Reporter Twitterreisen. Er twittert (für alle, die immer noch glauben, dass man im Social Web nur fotografiertes Essen findet: er verschickt eine Botschaft über einen bekannten Kurznachrichtendienst): „Ich bin morgen in Athen, Wen soll ich treffen?“ Wenn er aus dem Flugzeug steigt, ist sein Smartphone voll mit Empfehlungen. In Deutschland dagegen halten viele Journalisten Facebook und Twitter nach wie vor für Kinderkram – und wissen vermutlich nicht, dass die Jugendlichen schon längst weitergezogen sind, weil inzwischen ihre Eltern auf Facebook abhängen. Und vor kurzem hat der Guardian die Gründung eines Clubs verkündet, in dem Leser und Redaktion näher zusammenrücken. Der Chefredakteur Alan Rusbridger schrieb: „By joining you can be part of our journey of transformation into an open and global 21st-century media company.“ Warum realisiert kein deutscher Verlag eine solche Idee? Wahrscheinlich, weil sie mehr damit beschäftigt sind, Gesetze durchzuboxen, von denen heute keiner weiß, was er damit anfangen soll. Chris Elliott, der Chefredakteur Leserdienst beim Guardian, sagt: „Wer an den Journalismus glaubt, und das tun wir, muss alles versuchen.“ Eine solche Haltung vermisse ich hierzulande wie ein Baum den Regen.

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Wir haben in Deutschland nicht nur eine Krise des Geschäfts mit Journalismus, wir haben auch eine Krise der Leidenschaft und des Muts. Mein Eindruck ist, dass sich in den Verlagen gerade viel mehr Menschen Gedanken darum machen, wie sie das, was sie sich aufgebaut haben, in die Zukunft hinüberretten können als darüber, was sie beitragen können, um unsere Leser auch in einer radikal umgewälzten Medienwelt von unserer Arbeit zu begeistern. Das aber kann nur klappen, wenn wir Dinge wagen, von denen wir zu Beginn nicht wissen, ob sie funktionieren. Die Selbständigen haben längst verinnerlicht, dass sie Risiken eingehen müssen, um voranzukommen. Es ist höchste Zeit, dass dieses Bewusstsein auch unter den Festangestellten ankommt. Zu ihrem eigenen Wohl.

Mir ist klar, dass das nicht einfach wird. In den vergangenen Jahren ist mir immer wieder die Haltung begegnet: „Wer mit Mitte 30 noch immer selbständig arbeitet, ist für eine Festanstellung offensichtlich nicht gut genug.“ Dass sich Menschen freiwillig für die Selbständigkeit entscheiden, dass sie Anstellungen ausschlagen und bereit sind, die damit verbundenen Risiken auszuhalten, ist für viele Kollegen schlicht nicht vorstellbar. Jetzt sollten sie deshalb zu allererst ihre Vorstellungen von der Welt transformieren. Denn die schlechteste aller Lösungen wäre, das, was im Moment geschieht, zu ignorieren. Journalisten standen oft vor den Werkstoren, wenn ein Bergwerk schloss oder eine Nokia-Fabrik nach Osteuropa abwanderte. Jetzt sind wir dran. Und der Vorteil einer Festanstellung ist doch, dass die Risiken überschaubar bleiben. Man bekommt zum Ende des Monats ja trotzdem sein Gehalt überwiesen. Und das noch bis 2030.

Zum Schluss deshalb eine ernstgemeinte Inspirationshilfe. Auf dem Weg zur WM nach Brasilien, wo wir, bei nicht geringem finanziellen Risiko übrigens, unser eigenes Blog realisierten, sah ich im Flugzeug den Film „The secret life of Walter Mitty“. Es ist ein Märchen nah am Kitsch, das aber nie abstürzt. Ein Angestellter des Magazins LIFE, das vor der Umwandlung zu einer Online-Plattform steht, wird vom Leben gezwungen, etwas zu wagen, ohne zu wissen, ob es ein gutes Ende nehmen wird. Irgendwann kommt der Moment, wo Walter klar wird, dass er jetzt springen muss. Und er springt. Ich empfehle jedem, sich diesen Film anzusehen (und anzuhören – der Film hat einen der besten Soundtracks der vergangenen Jahre). Denn um zu überleben, haben wir keine andere Wahl: Wir müssen mehr Journalismus waltern. Unser Beruf braucht im Moment jeden, der mit Lust, Leidenschaft und Vergnügen an seiner Zukunft arbeitet. Ob schwitzend oder am Klavier.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in: Dynamik am Markt, JOURNALISMUS & NETZ, NEU
  • Über Kai Schächtele

    Kai Schächtele, geboren 1974, hat die Deutsche Journalistenschule und ein Journalistik-Studium in München absolviert. Er lebt in Berlin, wo er Bücher wie "Ich lenke, also bin ich" schreibt, als Journalist für Blätter wie GQ und die sonntaz arbeitet und mit Frey+Schächtele Geschichten im und fürs Netz erzählt

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1 Kommentare zu diesem Artikel


  1. Dieser Artikel spricht mir aus der Seele. Vielen Dank dafür!



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