23.07.2014

Die Datenerklärer vom Dienst

Warum überhaupt Daten? Nur Daten!, lautet die Antwort einiger journalistischer Unternehmen, die in letzter Zeit gestartet sind. Sie verfolgen den Ansatz, mit Daten zu erklären und prononciert Hintergründe herauszuarbeiten.
Ganz klar haben die Seiten eine jüngere Zielgruppe im Auge: Laut dem Pew Research Center holen sich sieben von zehn Amerikanern zwischen 18 und 29 Nachrichten vor allem über das Netz. Von den traditionellen Medien wie Fernsehen und Zeitungen wenden sie sich zunehmend ab.

Fivethirtyeight: Analyse und Verspieltheit

Den Geschmack der Netzaffinen dürfte Nate Silvers Website Fivethirtyeight ziemlich gut treffen. Silver hat sich als Statistik- und Daten-Nerd profiliert. Spätestens seitdem er 2012 die Ergebnisse der Präsidentschaftswahl besser vorhersagte als jeder hauptberufliche Fernsehexperte (“pundit”), wird er auch von der breiteren Masse wahrgenommen. Bezahlt werden Silver und sein Team für ihre Arbeit vom Sportsender ESPN, der sich erhofft, damit eine der Anlaufstellen für Datenjournalimus zu werden.

Trotz innovativer Herangehensweise setzt Fivethirtyeight auf eine klassische Ressortaufteilung. Die Themen sind eine Mischung aus Aktuellem und Data-Nerdism. Das spiegelt sich auch im Aufbau der Seite wieder, eine Mittelsäule z.B. listet aktuelle Ergebnisse aus dem “Datalab” auf. Der Ansatz von Fivethirtyeight besteht dabei weniger aus überbordend-spektakulären Visualisierungen denn Graphen-Graubrot: Simple Linien- und Balkendiagramme, dafür viele davon und mit Sachverstand ausgewählte Daten und Statistikmodelle. Mehrere Interpretationen werden nacheinander aufgelistet, Silver verweist etwa in einem aktuellen Beitrag zum Trend der amerikanischen Fußball-Nationalmannschaft darauf, dass seine Einstiegs-Grafik irreführend wäre, weil sie erst ab einem späten Zeitpunkt ansetzt. Davor habe die Kurve für die USA lange Zeit stagniert.

 fivethirtyeight_burrito

Bis dahin wäre Fivethirtyeight aber vom Stil her, Darstellung und Themenwahl also, nicht viel mehr als ein Wissenschafts- oder Wirtschaftsmagazin. Tatsächlich schreiben auch viele Noch- oder Ex-Wissenschaftler für die Seite. Spannend sind aber gerade die verspielten und zugleich datenintensiven Projekte. “Burrito Bracket” z.B., in dem es darum geht, “America’s Best Burrito” zu finden. Nate Silver bekennt sich zu seiner langjährigen Burrito-Obsession und weiß auch, dass Burritos keine entscheidende Frage für Wohl oder Wehe der Nation sind. Gerade das reizt das Team aber. Sie arbeiten mit einer Vorauswahl von über 65.000 Burrito-Restaurants aus dem Bewertungsportal Yelp, aus denen sie einen Index errechnen. 64 hat Silver mit Experten ausgewählt, eine Reporterin (“Jobbezeichnung: “burrito correspondent“) testet sie alle. Ihre Berichte veröffentlicht sie Stück für Stück, die interaktive Grafik des Themas lässt sich als Flowchart, Karte oder Werte-Tabelle ansehen.

Ampp3d: Boulevard-Datenjournalismus

Weil Datenjournalismus sich gelegentlich des Vorwurfs erwehren muss, ein Thema für Excel-Freaks ohne Freunde, oder Sexleben zu sein, ist Ampp3d ein interessantes Gegenbeispiel. Eine Art Daten-Boulevardjournalismus ohne eine der lästigsten Eigenschaften des Boulevards: die Fakten zur Seite zu schieben, um zur gewünschten Story zu kommen. Bildblog versorgt uns regelmäßig mit Beispielen dafür. Der Ansatz von Ampp3d ist von – oft auch recht britischem – Humor geprägt und betreibt einen faktenorientierten Journalismus, der zugleich höchst unterhaltsam aufgemacht ist. Wenn man so will, eine Art Buzzfeed mit härteren Themen.

Subjektivität und Fakten zugleich

Wenn es etwa um das heikle Thema Einwanderung geht, setzt Ampp3d auf eine Kaskade: Zu allererst wird eingeblendet, wie viele Ausländer eingereist sind, seitdem ein Leser den Artikel aufgerufen hat. Dann folgt ein spöttisches GIF mit einem völlig panischen Mann. So reagiert nach Meinung von Ampp3d der typische Wähler der rechten UK Independence Party auf solche Zahlen. Im nächsten Schritt zeigt der Artikel, dass der allergrößte Anteil der Einreisenden Touristen sind. Nur ein Bruchteil sind Einwanderer – weswegen dem Nutzer auch erklärt wird, dass er mindestens eine Minute warten muss, ehe diese Zahl sich um eins erhöht. Die als nächstes folgende Zahl der Asylbewerber steigt noch viel langsamer. Diese immer kleiner werdenden und langsamer steigenden Zahlen kontrastiert Ampp3d mit einem sehr schnell rotierenden Zähler. Der zeigt, wie viel Geld die Einreisenden seit Aufruf  des Artikels in Großbritannien ausgegeben habe. Touché!

 

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Ein anderes Beispiel, diesmal zum Thema WM: In einem Artikel wird der Frage nachgegangen, wie teuer es wäre, ein gesamtes Panini-Samellbildchen-Heft zu füllen. Ein mathematisches Modell für die vergangene WM wird samt kurzer Erklärung vorgestellt und für die jetzigen Zwecke angepasst. Der Autor kommt zu dem Schluss, dass er über 800 Packungen kaufen müsste, um einigermaßen sicher zu stellen, alles zu haben. Vor allem macht der Artikel Spaß, weil er in einem unterhaltsam-selbstironischen Ton geschrieben ist und mit dem Hinweis schließt, dass die Redaktion von einem Spieler schon drei Exemplare habe. “Schreibt eine Mail für unsere Tausch-Liste”, heißt es dort.

Ampp3d gehört zur Daily-Mirror-Gruppe, der Aufbau der Seite ist reduziert, und kommt ohne eine horizontale Navigation aus. Eine schmale linke Leiste ermöglicht den Wechsel zwischen den neusten oder populärsten Artikeln, oder die Auswahl aus den recht fein unterteilten Ressorts. Wenn man das einmal getan hat, heißt es vor allem Scrollen, Scrollen, Scrollen. Was bei den aufgeräumten Artikeln gut funktioniert. Kernelemente sind meist groß formatierte Zahlen und interaktive Datawrapper-Grafiken.

Auch vox.com und Upshot liefern Hintergrund und Analyse

In den USA gibt es außerdem weitere Ansätze, die dem Erklärjournalismus folgen. Vox.com ist seit April 2014 online und verfolgt den Ansatz, das Nachrichtengeschehen einzuordnen und Hintergründe abzuliefern. Chefredakteur Ezra Klein kommt vom WonkBlog der Washington Post und hat von dort eine Reihe prominenter Autoren mitgebracht. Auch dort wird intensiv mit Daten gearbeitet, allerdings zielt das Angebot von vox.com eher darauf ab, Fragen nach dem Motto: “Alles, was man über XY wissen muss” zu beantworten.

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Upshot

Ein weiteres Erklär- und Einordnungsprojekt ist Upshot von der New York Times. Diese hatte nach Nate Silvers Weggang zu ESPN eine Lücke zu füllen. Diese Aufgabe erfüllt nun der Wirtschaftsjournalist David Leonhardt, der lange das Washingtoner Büro der Times leitete. Upshot bündelt die interaktiven und hintergründigen Features der New York Times, in einem klaren und reduzierten Layout. Neben vielen eher textlastigen Features prominenter Autoren liefert Upshot auch grafiklastige Einordnungen, etwa wie unterschiedlich die abgegebenen Entscheidungen der Richter am Obersten Gerichtshof der USA sind . Einige Aufmerksamkeit bekam auch Upshots Riesenansammlung von 255 Charts, die zeigten, wie die Rezession die Wirtschaft verändert hat.

Bedarf für solche erklärenden und datenlastigen Seiten gäbe es sicher auch in Deutschland. Auffällig ist, dass alle von etablierten Medienhäusern finanziert werden. Es sind keine Startups im klassischen Sinne, sondern, mit Ausnahme von Ampp3d, Bündelungen schon bestehender Ideen und Angebote. Hierzulande müsste sich also erstmal ein Medienhaus dazu durchringen, mit einem vergleichbaren Angebot an den Start zu gehen. Im Moment sieht es nicht danach aus.

 

Update 28.07.2014

Da der Beitrag später erscheint als ursprünglich geplant, noch ein Hinweis auf einige Qualitätsdebatten, die in den letzten Wochen zu Daten- und Erklärjournalismus geführt wurden. Der Visualisierungsspezialist Alberto Cairo hat sich mit den Standards vor allem bei Fivethirtyeight und Vox.com  auseinandergesetzt. Er stellt dabei fest, das zahlreiche Artikel zu Schlüssen kommen, die mit dem Datenmaterial, der Stichprobe oder auch den statistischen Modellen nicht gerechtfertigt sind. Er fordert daher weniger Artikel, die besser gemacht sind.

Speziell auf die statistischen Modelle von Nate Silver im Zusammenhang mit der Fußball-WM geht die Soziologin Zeynep Tufekci ein. Anlass ist der Sieg der deutschen Mannschaft über die brasilianische, was Silver völlig unzutreffend eingeschätzt hatte. Er war davon ausgegangen, dass Brasilien eine 65-prozentige Chance auf einen Sieg hätte. Fivethirtyeight erklärte nach dem Spiel, es sei das schockierendste Ergebnis in der Geschichte der Fußballweltmeisterschaft gewesen  – nicht vorherzusehen. Tufekci erklärt überzeugend, dass Silver es sich dabei zu einfach gemacht habe. Er habe schlicht nicht alle relevanten Faktoren in seinem Modell berücksichtigt – ebenso wenig wie Meßfehler der Daten.

In der Essenz geht es in diesen Debatten auch darum, wie weit dynamische Ereignisse wie ein Fußballspiel vorhersagbar sind. Im Gegensatz zu den sehr strukturierten Spielabläufen bei American Football und Baseball spielen zum Beispiel Einzelverhalten, Psychologie oder Schiedsrichterfehler eine viel größere Rolle.

Eve Fairbanks wiederum reflektiert in der Washington Post darüber, warum der Ansatz von “Alles was Sie zum Thema wissen müssen – in einem Artikel” schädlich für den Journalismus sein könnte.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in: JOURNALISMUS & NETZ, Neue Formate

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