14.07.2014

CORRECT!V: Mäzenatentum als Zukunft des Journalismus?

Der Bottroper Autor und Journalist David Schraven wechselte kürzlich den Arbeitgeber. Er verließ die Funke-Mediengruppe (ehemals WAZ), um die Geschäftsleitung einer gemeinnützigen GmbH zu übernehmen. Diese soll hierzulande eine ganz neue Rolle einnehmen. Schraven will mit CORRECT!V das erste gemeinnützige Recherchebüro in deutscher Sprache aufbauen. Die Storys werden unter anderem auf Informationen basieren, die den Mitarbeitern anonym übermittelt wurden.Daneben wird reguläre Quellenarbeit stattfinden. Das Team will auf Basis der Informationsfreiheitsgesetze recherchieren und in diversen Archiven wühlen.

1948 gehörte zum Gründungsteam der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) auch das Ehepaar Anneliese und Erich Brost. Die Brost-Stiftung, im Juni 2011 gegründet, untersteht dem Politiker und Verlagsmanager Bodo Hombach. Sie investierte kürzlich drei Millionen Euro in das erste Recherchebüro Deutschlands, das völlig autark arbeiten soll. Die Stiftung will damit verhindern, dass auf die anhaltende Medienkrise eine Demokratiekrise folgt. Recherchen kosten viel Zeit und somit auch Geld. Aufgrund schrumpfender Umsätze können sich viele Redaktionen schlichtweg keinen investigativen Journalismus mehr leisten. Das möchte CORRECT!V ändern. Damit dies gelingt, sollen Fernsehsender, Zeitungsverlage und Portalbetreiber mit selbst recherchierten Enthüllungen versorgt werden. Quelle der Nachrichten ist eine Art Wikileaks, also ein Briefkasten im Internet, wo Dokumente anonymisiert eingereicht werden können, die Korruption und Misswirtschaft belegen. Zudem will Schravens Team mit Weiterbildungen dafür sorgen, dass Bürger künftig effektiver Transparenz einfordern können. Das klingt alles erstmal sehr gut. Doch bei den vielen Ähnlichkeiten kommen schnell Bedenken auf, uns könnte alter Wein in neuen Schläuchen angeboten werden. Wir haben diesbezüglich beim frischgebackenen Geschäftsführer nachgehakt.

schraven_800pxtorial: Herr Schraven: Sie haben bisher das Rechercheteam der WAZ-Mediengruppe  geleitet. Sie sind nun Geschäftsführer der Betreibergesellschaft von CORRECT!V, die investigativ recherchieren wird. Wie passt das zusammen?

David Schraven: Gut. Ich leite die Redaktion CORRECT!V. Vorher habe ich das Rechercheteam der Funke-Mediengrupe geleitet. Die gleiche Arbeit. Andere Arbeitgeber.

torial: Der Träger ist aber nicht das einzige Indiz. Sowohl beim Rechercheteam der WAZ als auch bei CORRECT!V können anonym Dokumente hochgeladen werden, beißt sich das nicht?

Schraven: Nein. Die Funke Mediengruppe kann ein solches Kontaktformular brauchen und CORRECT!V auch. Je mehr es von diesen Kontaktmöglichkeiten gibt, umso besser.

torial: Welche Erfahrungen haben Sie bisher bezüglich der Quantität und Qualität von anonym hochgeladenen Dokumenten gesammelt? Funktioniert das Prinzip Wikileaks?

Schraven: Das Instrument Kontaktportal funktioniert sehr gut. Es hängt davon ab, wie man es bespielt, aber in der Regel klappt es am besten, wenn man es in konkreten Recherchen aktiv einsetzt.

torial: Bedeutet das, man fordert seine Leser zur Preisgabe von Dokumenten aktiv heraus?

Schraven: Nein, das heißt, man sollte Inhalte produzieren, die man mit den Briefkästen verknüpft. Damit man Leuten, die einen Weg suchen, ihre Informationen zu einem speziellen Thema abzugeben, es leicht macht, den Weg zu einem selbst zu finden. Das können extra produzierte Blogs oder Themenseiten sein.

 

CORRECT!V ist eine von vielen Antworten auf die Medienkrise.

torial: Was kann das erste gemeinnützige Recherchebüro Deutschlands bewegen – was dürfen sich Leser und Journalisten konkret von CORRECT!V erhoffen?

Schraven: Wir wollen mit unseren Partnern große Geschichten realisieren, die einen positiven Effekt auf die Gesellschaft haben. Sei es aus dem Bereich der Bildung, der Gesundheit oder der Wirtschaft. Zudem wollen wir die Methoden des investigativen Journalismus weitergeben, damit möglichst viele Menschen ihre Auskunftsrechte wahrnehmen und selbst für Aufklärung und Transparenz sorgen können.

torial: In welcher Form werden sich die Fördergelder der Brost-Stiftung auf die Weitergabe der selbst recherchierten Beiträge an die Medien auswirken? Wie wollen Sie sicherstellen, dass die WAZ-Gruppe nicht bevorzugt behandelt wird?

Schraven: Wir sind unabhängig. Die Brost-Stiftung ist eine eigene Stiftung. Und wir sind eine eigene gemeinnützige GmbH. Die Funke-Mediengruppe ist ein eigenständiger Konzern. CORRECT!V ist nicht mit der Funke Mediengruppe verflochten. Sicher wird man was zusammen machen. Aber nicht alles.

torial: Nach welchen Gesichtspunkten wählen Sie Ihre Medienpartner aus? Können Sie schon Namen nennen, mit wem Sie gerne kooperieren würden? Müssen die Medienpartner etwas für die Storys bezahlen?

Schraven: Die Medienpartner bekommen die Geschichten umsonst. Wir wählen unsere Partner nach dem Gesichtspunkt der Effektivität. Mit wem kann eine spezielle Geschichte am besten platziert werden. Das kann eine Lokalzeitung sein oder ein Fernsehsender. Das kann eine Radiostation sein, oder ein Wochenblatt.

torial: Wird es denn das Rechercheteam der Funke-Mediengruppe weiterhin geben? Wenn ja, wer wird Ihr Nachfolger?

Schraven: Das weiß ich nicht.

 

CORRECT!V will die einfache, anonyme Nachrichtenfunktion promoten

torial: Bei beiden Whistleblower-Portalen (https://correctiv-upload.org & https://upload.derwesten-recherche.org/kontakt/), die anonymen und sicheren Direktkontakt ermöglichen, wurde eine Email-Adresse angegeben, zur sicheren E-Mail-Kommunikation aber kein öffentlicher PGP-Schlüssel (Erklärung zu PGP gibt’s hier) der Redaktion hinterlegt. Wie kommt’s?

Schraven: Weil wir die sichere, einfache, anonyme Nachrichtenfunktion promoten wollen.

torial: Was wäre denn an einem öffentlichen PGP-Schlüssel unsicher? Die Personen könnten Sie mithilfe eines PGP-Schlüssels schon beim ersten Anschreiben verschlüsselt kontaktieren.

Schraven: Wir wollten uns auf einen leichten, einfachen und hürdenschwachen sicheren Weg konzentrieren. Wir dachten, es wäre vielleicht zu kompliziert, den Leuten auch noch erklären zu müssen, wie man PGP benutzt.

torial: Hängt die technische Infrastruktur des Dateiuploads beider Portale zusammen? Oder wurde das komplett voneinander getrennt?

Schraven: Es sind getrennte Systeme.

 

„Investigativer Journalismus ist kein Luxus“

torial: Die Kollegen von ProPublica bemängeln, dass viele Betreiber investigativen Journalismus mittlerweile als „Luxus“ ansehen. Stimmt das? Wie konnte es dazu kommen?

Schraven: Investigativer Journalismus ist sehr teuer, sehr aufwändig und sehr kompliziert. Ja. Aber das ist kein Luxus. Investigativer Journalismus war schon immer teuer und kompliziert und aufwändig. Unsere Gesellschaft braucht diese Form des Journalismus, um in Demokratie überleben zu können. Das Problem ist, dass die Finanzierungsmodelle des Investigativen Journalismus sich wandeln. Dadurch wird es für einige Medien schwieriger sich diese Form des Journalismus zu leisten. Man kann darüber klagen – oder neue Formen des Finanzierung suchen.

torial: Die Tätigkeit der PULS gGmbH wird auch Schulungen beinhalten. Was soll den Journalisten denn alles beigebracht werden? Was glauben Sie: Wie groß ist der Schulungsbedarf beispielsweise beim Umgang mit dem Informationsfreiheitsgesetz?

Schraven: Wir wollen nicht nur Journalisten schulen. Wir bieten allen Bürgern Hilfen an, wenn Sie etwas von ihren Behörden erfahren wollen. Wir glauben, dass es einen immensen Bedarf gibt, die Rechte der Information zu erlernen und mit ihnen aktiv umzugehen.

torial: Das Geschäftsmodell vieler Printmedien funktioniert immer schlechter, die Vermarktung von Online-Content ist nur in wenigen Fällen kostendeckend. Ist Mäzenatentum etwa die Zukunft des Journalismus? Oder ist es wie Crowdfunding nur eine weitere Facette?

Schraven: Es ist eine von vielen Facetten. Auch wir werden uns durch Crowdfunding zusätzlich finanzieren müssen. Ein Standbein reicht nicht aus. Man fällt leicht um.

torial: Der ZEIT haben Sie gesagt, dass wir derzeit „in einer der besten Zeiten für Journalisten“ leben. Einige schlecht bezahlte Kollegen dürften Ihr Statement nicht bestätigen. Können Sie die Aussage bitte begründen?

Schraven: Wir leben in einer Umbruchszeit. Es passiert viel neues. Viel spannendes. Und natürlich auch viel schreckliches. Ich sehe aber trotzdem mehr Chancen als Risiken. Ich verstehe sehr gut, dass sich die Arbeitsbedingungen für einige Kollegen drastisch verschlechtern. Ich sehe aber auch, dass es neue Wege gibt, Medien zu machen, und sich die Arbeitsbedingungen für andere Kollegen verbessern. Ich glaube am Ende wird es gut werden. Vielleicht nicht mit allen Leuten, die heute Medien machen. Vielleicht auch nicht mit den Medien, die wir heute sehen. Das Leben lässt eben manche Projekte untergehen. Altes verschwindet, neues entsteht. Ich bin aber froh, dass ich diesen Wandel erleben darf. Das Internet verändert unseren Broterwerb in den kommenden 10 Jahren stärker, als wir alle heute vermuten. Was kommt weiß niemand – aber ich bin sicher es wird toll.

torial: Abwarten. Was glauben Sie, wie wird Journalismus in fünf oder zehn Jahren aussehen?

Schraven: Er wird blühen in dutzenden Projekten und vielleicht in vollständig neuen Medien neue Erzählformen erfinden. Wir stehen am Beginn einer großen Zeit. Wir entdecken neues Land. Unsere Möglichkeiten sind noch lange nicht ausgeschöpft.

torial: Herr Schraven, viel Erfolg und vielen Dank für das Gespräch!

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