05.06.2014

“Ich versuche einfach, so viele Kanäle wie möglich zu bespielen”

Daniel Bröckerhoff, Journalist, TV-Reporter, Moderator und Autor, arbeitet unter anderem für das Medienmagazin „Zapp“ des NDR und gehört zu dessen bekannten Netzgesichtern. Im Interview mit torial spricht er über Multimediajournalismus, den Konflikt Print und Online und die Frage, ob Crowdfunding Selbstausbeutung ist.

Broeckerhoff_2_300pxtorial: Herr Bröckerhoff, als was würden Sie sich persönlich beschreiben – Fernsehmann, Autor oder eher Multimedia- oder gar Netzjournalist?

Daniel Bröckerhoff: In erster Linie bin ich Journalist. Ich erzähle Geschichten, ich versuche, aufzuklären oder verschiedene Perspektiven zu vermitteln, Informationen aufzutreiben und einzuordnen, damit sich meine Zuschauer und Leser eine Meinung bilden können und ein bisschen besser über die Welt Bescheid wissen.

In erster Linie mache ich Bewegtbild, aber da hört es nicht auf. Meine Filme laufen im linearen Fernsehen, aber sind auch auf YouTube oder den Senderseiten abrufbar. Ich schreibe dazu auf meiner Seite danielbroeckerhoff.de, poste Fotos und Kurzvideos von Drehs oder aus meinem Alltag auf Instagram, ich diskutiere auf Twitter, Facebook (und gelegentlich auch Google+). Das Einzige, was ich nicht mache, ist Radio/Audio und Print, aber das liegt eher daran, dass ich einfach sehen muss, wie ich meine Zeit so einteile, dass ich alles schaffe.

Die Trennung in „Fernsehmann, Autor, Multimediajournalist“ – und was es da noch so alles gibt – halte ich mittlerweile für überholt. Ich versuche einfach, so viele Kanäle wie möglich zu bespielen, damit ich so viele Menschen wie möglich erreiche. Klar habe ich Präferenzen, aber durch diese Definitionen werden in meinen Augen Gräben gezogen, die es nicht mehr geben muss.

torial: Jungen Journalisten wird heute gerne gesagt, dass sie trimedial arbeiten sollten. Ist es so noch möglich, sich auf ein Thema zu konzentrieren?

Bröckerhoff: Klares „Ja, aber“. Das Thema, die Recherche, die Geschichte stehen immer am Anfang des journalistischen Arbeitens. Erst danach sollte man sich Gedanken machen, wie man was erzählt (und wie man Sätze mit zuviel „man“ vermeidet).

Das Schöne ist, dass wir heute sehr viele Möglichkeiten haben, unsere Geschichten zu erzählen. Ich kann einen Text schreiben, einen Film machen, Fotos schießen, Interviews führen, ich kann in diesen einzelnen Formen noch variieren und das dann alles miteinander kombinieren.

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Klub Konkret Live mit Franziska Storz am 7.5.2014, Foto: Rassoli Photography, www.rassoli.de

Die „Mein Vater“-Story von Cordt Schnibben beim „Spiegel“ ist da ein gutes Beispiel: Er hat den Print-Text geschrieben, für Online einen persönlichen Blog-Artikel über seine Motivation verfasst und eine aufwendige Scroll-Doku mit seinem Team produziert. Er hätte noch den Recherche-Prozess dokumentieren können, aber irgendwo muss auch mal gut sein.

Denn das ist das „Aber“: All diese Dinge kosten Zeit und sind teilweise sehr aufwendig und teuer. Es dauert einfach länger, wenn ich fünf Kanäle bespiele, als wenn ich mich mit einem zufriedengebe. Vielleicht brauche ich dafür mehrere Mitarbeiter, die Sachen können, die ich nicht so gut kann. Da sind Arbeitsteilung und Teamwork gefragt. Trotzdem sollte jeder ungefähr wissen, was der andere da gerade macht und was er braucht, um arbeiten zu können.

Das alles ist für jemanden, der sich bislang vor allem mit Recherche und Dramaturgie beschäftigt hat, natürlich totales Neuland und ich kann verstehen, wenn nicht jeder Lust darauf hat oder wenn das Geld dafür fehlt. Auch müssen wir Journalisten aufpassen, dass wir vor Begeisterung über all die technischen Möglichkeiten und Spielereien nicht unser Kerngeschäft aus den Augen verlieren: Geschichten und Informationen finden und so aufbereiten, dass sie stimmen und möglichst unterhaltsam zu konsumieren sind.

torial: Sie haben einmal formuliert, dass der Kampf Print gegen Online „blödsinnig“ ist. Warum?

Bröckerhoff: Es ist genau dieses Gräbenziehen, das ich gerade schon angesprochen habe, was uns Journalisten kein Stück weiterbringt. Da geht unheimlich viel Energie verloren, die man besser woanders aufbringen könnte.

Im Grunde ist das alles Ego-Blabla. Entweder von Leuten, die nicht wahrhaben wollen, dass sich die Welt und damit ihr Arbeiten langsam weiterentwickeln. Oder von Leuten, denen die Entwicklung nicht schnell genug geht und die sich nicht anerkannt und wertgeschätzt fühlen. Ich nehme mich da nicht aus, ich hab da auch lange mitgemacht, aber ich hab für mich entschlossen, aus dem Spiel auszusteigen.

Wir wollen alle einen guten Job machen. Und ob das Produkt jetzt auf einem Stück Papier erscheint oder auf einem Bildschirm, ist erstmal Nebensache. Hauptsache, der Konsument kriegt das, was er möchte, und auf dem Kanal, den er gerne mag. Da ist zwar vor allem digital noch unheimlich viel Luft nach oben, aber nur darüber schimpfen, dass nichts passiert, ist doch sinnlos. Gerade deshalb finde ich auch ein Projekt wie „Krautreporter“ unterstützenswert. Bei aller berechtigten Kritik packt da einfach mal ein Haufen guter Kollegen die Sache an und probiert es selber, statt nur zu jammern.

Außerdem sehe ich, dass sich in den Verlagen und Sendern gerade viel bewegt. Das sind halt teilweise Riesen-Apparate, die brauchen ihre Zeit, bis beim Letzten angekommen ist, dass man so nicht weitermachen kann. Aber es gibt viele Zeichen, die mir Hoffnung machen.

torial: Aber warum steckt dann der Streit zwischen Print und Online auch gut 20 Jahre nach dem Beginn der Kommerzialisierung des Netzes noch in so vielen Köpfen fest?

Bröckerhoff: Wir haben es hier mit einem tiefgreifenden Kulturwandel zu tun – und der geht nie ohne Kämpfe vonstatten. Die digitale Vernetzung der Welt ist eines der umfassendsten, hervorragendsten und gleichzeitig schwierigsten und manchmal auch bedrohlichsten Veränderungen unseres Zusammenlebens.

Menschen sind aus gutem Grund Gewohnheitstiere. Es spart einfach Lebensenergie, wenn man genau weiß, wie etwas abläuft und warum. Gewohnheiten zu ändern und Muster aufzubrechen, ist eine große Herausforderung, an der auch viele scheitern. Dass sich deshalb manche gegen Veränderungen wehren, ist mehr als verständlich.

Und in gewisser Weise auch gut, denn so wird verhindert, dass manche Entwicklungen zu schnell passieren, ohne dass sich die Beteiligten über Auswirkungen und Risiken im Klaren sind. Allerdings müssen wir aufpassen, dass durch diese Kämpfe nicht mehr zerstört wird als neu geschaffen. Ich bin da allerdings ganz hoffnungsvoll, dass das gelingen wird.

torial: Sie selbst haben schon einige Erfahrung mit dem journalistischen Crowdfunding gesammelt. Gute oder schlechte?

Bröckerhoff: Meine persönliche Erfahrung mit dem Projekt st.ry war ja eher schlecht, weil uns das Crowdfunding relativ katastrophal um die Ohren geflogen ist. Wir haben letztes Jahr versucht, eine 6-teilige Webdoku-Reihe zu finanzieren und wollten 40.000 Euro sammeln. Selbst nach Verlängerung des Fundings ist nur ein Zehntel der Summe zusammengekommen. Das ist natürlich sehr ernüchternd.

Auf der anderen Seite gibt es genug andere Projekte, denen das Funding gelungen ist. Ich glaube daher nicht, dass Crowdfunding per se nicht funktioniert.

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Interview für Klub Konkret mit dem NPD-Landesvorsitzenden Patrick Wieschke

torial: Warum ist st.ry gescheitert?

Bröckerhoff: Ich glaube, wir haben das Publikum mit unserem Vorhaben zum einen überfordert. Der Ansatz, die Recherche zu öffnen, gemeinsam mit der Crowd zu recherchieren, sie über das Thema abstimmen zu lassen – und dann auch noch alles von ihnen finanziert zu bekommen – war sehr ambitioniert. Die Ansätze allein für sich funktionieren derzeit schon ganz gut, die offene Recherche zum Beispiel bei www.crowdspondent.de. Aber uns wurde mal gesagt, man würde „die Katze im Sack kaufen“ und da bleibt manchem die Kreditkarte in der Tasche stecken.

Denselben Vorwurf müssen sich ja jetzt gerade auch die Krautreporter anhören, allerdings sind da namhafte Leute zusammengekommen, die eine gewisse Bekanntheit haben und von denen man weiß, was einen ungefähr erwartet. Das war bei mir nicht unbedingt der Fall.

torial: Was würden Sie heute besser machen?

Bröckerhoff: Ich würde entweder auf das Funding verzichten oder erstmal nur eine kleine Summe sammeln und es dafür nicht ganz so schick zu machen, wie wir es vorhatten. Oder alternativ den offenen Ansatz runterschrauben und ganz klar sagen: Diese Geschichte möchten wir erzählen. Bitte gebt uns Geld dafür.

torial: Sie haben das „Krautreporter“-Projekt erwähnt. Es soll zu einer Art deutschen Antwort auf das erfolgreiche niederländische Crowdfunding-Projekt „De Correspondent“ werden (s. torial-Interview). Wie hoch bewerten Sie die Chancen, die gewünschte Summe von 900.000 Euro einzusammeln?

Bröckerhoff: Ich hab bei der Summe wie viele erstmal geschluckt. Für ein Magazin ist das zwar wenig Geld, für den Normalverbraucher klingt das aber nach einem unfassbar hohen Betrag. Die Presse-Resonanz ist allerdings überragend, das Projekt hat es ja bis in die „Tagesschau“ geschafft und sowas hat bei st.ry zum Beispiel gefehlt. 15.000 Unterstützer bekommt man nicht aus ambitionierten Journalistenkreisen, da müssen auch „ganz normale“ Konsumenten ran und da hilft die Berichterstattung natürlich enorm. Derzeit räume ich Krautreporter eine realistische Chance ein, ich würde mich aber auch nicht wirklich wundern, wenn sie bei 800.000 Euro im Funding stecken bleiben.

torial: Die beteiligten Journalisten sollen 2000 bis 2500 Euro im Monat erhalten, für immerhin ein Stück in der Woche. Wirklich viel ist das ja nicht, wenn man an die Festangestelltentarife denkt, die etwa Magazinjournalisten gewohnt sind. Ist Crowdfunding stets gleichzusetzen mit Selbstausbeutung?

Bröckerhoff: Ich glaube, Journalismus per se ist in weiten Teilen gleichzusetzen mit Selbstausbeutung. Das ist kein Job, den man macht, weil dort so viel Geld zu holen ist, sondern den macht man aus sich heraus – die berühmte intrinsische Motivation. Manche sprechen auch von „Berufung, nicht Beruf“, auch wenn das etwas pathetisch ist.

Früher soll es ja anders gewesen sein, da wurden zumindest in den großen Häusern noch hohe Gehälter gezahlt, wie man sich heute unter der Hand erzählt. Es wäre natürlich schön, wenn das wiederkommen würde.

Mit Crowdfunding wird das aber sicher nicht der Fall sein. Sebastian Esser von Krautreporter hat mir erzählt, dass viele Crowdfunder bereit sind, für Unkosten zu zahlen, aber nicht für Honorare. Das ist natürlich ernüchternd, aber ob es gelingt, diese Einstellung zu ändern – ich bin da skeptisch.

1 Kommentare zu diesem Artikel


  1. Diese 2.500 Euro waren doch für eine halbe Stelle, wenn ich das richtig in Erinnerung habe, oder? Ein Richard Gutjahr beispielsweise kann, wird und will vermutlich gar nicht mehr als halbtags für Krautreporter arbeiten.


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  1. “Ich versuche einfach, so viele Kanäle wie möglich zu bespielen” | Daniel Bröckerhoff 11 06 14

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