03.03.2014

Unter der Lupe: Tools für den Echtzeit-Journalismus

Dienste wie HootSuite, ScribbleLive und Storify helfen bei der Live-Berichterstattung im Netz. Achim Fehrenbach hat sich die nützlichen Werkzeuge aus der Nähe angeschaut.


Das Internet hat den Journalismus grundlegend verändert. Vorbei sind die Zeiten, als Sender und Empfänger klar definiert waren: Dank Social Media kann heute jeder halbwegs Technikkundige Informationen verbreiten – ob das nun eine Twitter-Meldung vom Autobahnstau ist, ein YouTube-Video vom Ligaspiel am Wochenende oder ein Leser-Kommentar zu einem Zeitungsartikel. Die Menge der verfügbaren Informationen nimmt ebenso zu wie die Geschwindigkeit, mit der diese verfügbar gemacht werden. Für Netzjournalisten wird die Kuratierung von Social-Media-Inhalten immer wichtiger: Auf die richtige Auswahl und Kommentierung kommt es an.

Gerade in der Live-Berichterstattung hat sich die Stärke der Kuratierung mehrfach bewiesen. Als im März 2011 ein Erdbeben von der japanischen Küste einen verheerenden Tsunami auslöste, bündelte die Agentur Reuters Korrespondentenberichte, Videos, Fotos und Karten in einem ScribbleLive-Blog. Der US-Journalist Andy Carvin wiederum nutzte ab 2010 Twitter, Facebook und Storify, um die Ereignisse des Arabischen Frühlings zu dokumentieren. Gerade bei langanhaltenden Ereignissen (Wahlen, politische Krisen, Naturkatastrophen) zeigt sich, dass Echtzeit-Journalismus im Netz umfassender und vielfältiger informieren kann als klassische Medien wie Fernsehen und Radio. Auch bei punktuellen Ereignissen wie Pressekonferenzen oder Sportveranstaltungen kann ein Live-Ticker Sinn machen – vorausgesetzt, die verantwortlichen Redakteure trennen Wichtiges von Unwichtigem. Der Erfolg eines Live-Blogs oder -Tickers hängt aber nicht zuletzt von der Tauglichkeit der Werkzeuge ab: Sind sie flexibel und vertraut, dann lassen sich die Inhalte ungleich besser präsentieren. Hier eine Auswahl von Tools, die Echtzeit-Journalisten bei der Arbeit helfen.

 

Twitter & Co

Der Kurznachrichtendienst Twitter ist als schnelle Informationsquelle nicht mehr wegzudenken. Wer jedoch Dutzenden oder gar Hunderten von Twitter-Usern folgt, der verliert schon mal den Überblick. Die Timeline, in der alle Informationen zusammenlaufen, wird dann von einer Tweet-Welle überschwemmt – und damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass man wichtige Meldungen übersieht. Mit Hilfe von Twitter-Listen lässt sich der Nachrichtenstrom jedoch übersichtlicher gestalten – er lässt sich dann gezielter anzapfen und auswerten. Twitter-Listen kann man zu bestimmten Personengruppen anlegen, etwa zu Freunden oder Arbeitskollegen. Nachdem man eine Liste definiert hat, fügt man Twitter-User nach Belieben hinzu; ein User kann auch in mehreren Listen vertreten sein. Eine andere Möglichkeit ist, bereits bestehende Listen zu abonnieren, die in den Profilen anderer User auftauchen. So bekommt man schnell einen Überblick über ein bestimmtes Thema.

Auf twitter.com ist die Verwaltung der Listen etwas umständlich. Abhilfe schaffen Social Media Dashboards wie TweetDeck , die gebündelte Inhalte übersichtlich darstellen. TweetDeck gibt es als Web-, Chrome- oder Desktop-App; der Dienst gehört seit 2011 zu Twitter und ist komplett kostenlos. Im TweetDeck-Fenster kann man beliebig viele Spalten einrichten, die sich dann mit unterschiedlichen Inhalten befüllen lassen. Infrage kommen dafür u.a. die Timeline, definierte Listen, Antworten, Erwähnungen, persönliche Nachrichten, Suchergebnisse, Hashtags und Favoriten. Die Reihenfolge der TweetDeck-Spalten lässt sich ebenso festlegen wie der Einsatz bestimmter Filter (keywords, User). Natürlich kann man aus TweetDeck heraus auch direkt twittern. Das Menü befindet sich in der linken Randspalte und erlaubt schnellen Zugriff auf alle wesentlichen Funktionen. Erst im November 2013 stellte TweetDeck ein neues Feature vor: die Custom Timeline. Damit kann man Tweets zu einem bestimmten Thema händisch bündeln und sogar in Webseiten einbetten; die Kuratierung der Inhalte erinnert an den Dienst Storify (s.u.).

tweetdeck

Weitere Dashboards/Manager für Twitter: Plume, UberSocial, Twitterrific, Tweetbot, TweetCaster

 

HootSuite

Wer eine Kommunikationszentrale für verschiedene Social-Media-Dienste sucht, der sollte sich HootSuite anschauen. Das Dashboard gibt es als Browser-Anwendung und als Mobile App. Mit der kostenlosen Light-Version kann man bis zu fünf Social-Network-Accounts verwalten, zum Beispiel Twitter, Facebook, LinkedIn, Google+ und foursquare. Allerdings sollte man sich bewusst sein, dass HootSuite dadurch Zugriff auf persönliche Account-Daten erhält. Neben den Accounts lassen sich in der Light-Version auch zwei RSS-Feeds sowie externe Apps einbinden. Jeder Account wird auf der HootSuite-Startseite in einem separaten Tab dargestellt, in dem sich wiederum einzelne Spalten befinden. Im Twitter-Tab beispielsweise kann man – ähnlich wie bei TweetDeck – Spalten für eigene Tweets, Antworten, Hashtags usw. einrichten.

Mit seiner übersichtlichen Darstellung ist HootSuite gut geeignet, um verschiedene Kanäle im Blick zu behalten. Genauso gut kann man es aber auch nutzen, um eigene Inhalte “auf einen Rutsch” in verschiedene Kanäle zu posten: Beim Verfassen einer Nachricht wählt man aus, in welchen sozialen Profilen sie auftauchen soll. Praktische Zusatzfunktion: Man kann einstellen, zu welcher Uhrzeit eine Nachricht automatisch gepostet wird. Erweiterte Funktionen bieten die Pro- und die Enterprise-Version von HootSuite. So können beispielsweise mehrere Redaktionsmitglieder gemeinsam das Dashboard verwalten, auch die Zahl der nutzbaren Social-Network-Accounts und RSS-Feeds ist höher. Darüber hinaus bieten die kostenpflichtigen HootSuit-Versionen einen Statistikbereich, der Kennziffern von Google Analytics, Facebook Insights und anderen Diensten gebündelt darstellt – so sieht man als Redakteur auf einen Blick, wie bestimmte Nachrichten plattformübergreifend gelaufen sind. Fazit: Die Stärke von HootSuite liegt in seiner Nutzung als kollaborative Kommunikationszentrale.

hootsuite

Weitere Dashboards/Manager für Social Media: Seesmic, SocialOomph, Sprout Social

 

ScribbleLive

Für die Echtzeit-Berichterstattung im Netz gibt es eine Reihe von Werkzeugen. Eines der bekanntesten ist ScribbleLive: Mit ihm lassen sich Live-Blogs und -Ticker einrichten, um Ereignisse über Stunden oder Tage hinweg zu begleiten. ScribbleLive lässt sich gut mit Redaktionssystemen kombinieren und integriert reibungslos unterschiedliche Social-Media-Kanäle. Interessenten können ScribbleLive 30 Tage lang gratis testen. Danach greift ein abgestuftes Preismodell, das zwischen Bloggern/Freelancern und Unternehmen unterscheidet. Generell gilt: Je höher die erzielte Reichweite, desto höher der Monatspreis.

ScribbleLive liefert einen Code-Schnipsel, den man via iframe in die eigene Website einbetten kann. Das Aussehen des Live-Tickers (Schriftart, -farbe, Hintergrund etc.) lässt sich anpassen. Gesteuert wird ScribbleLive im Browser oder über Mobile Apps, die es für iOS und Android gibt. Sämtliche Ticker-Einträge sind mit einem Zeitstempel versehen und werden für die Leser automatisch sichtbar. Den Feed kann man mit Hilfe von Flickr-Fotos, YouTube-Videos, Live-Streams etc. anschaulicher gestalten, die entsprechenden Inhalte findet man per Suchanfrage. ScribbleLive verfügt – ähnlich wie herkömmliche Blogs – über eine Kommentar-Verwaltung: Man kann die Kommentare standardmäßig freigeben, sperren, automatisch filtern oder händisch freigeben. Integrierte Umfrage- und Livechat-Tools lockern den Ticker zusätzlich auf. Teamwork ist nur in der kostenpflichtigen Enterprise-Edition möglich. Von einem zentralen Account aus lassen sich Unter-Accounts für alle Live-Berichterstatter einrichten. Werden die Leser dann auch noch zum Crowdsourcing animiert und ihre Beiträge in den Ticker eingebunden, lässt sich ein umfangreiches Bild des Ereignisses zeichnen.

scribblelive

Besonders gut kann man ScribbleLive mit Twitter kombinieren. Eine Möglichkeit ist, via ScribbleLive zu tickern – und alle kürzeren Meldungen von dort direkt an den verknüpften Twitter-Account schicken. Das hat gleich mehrere Vorteile: Der Content bleibt auf der eigenen Website, ist übersichtlicher strukturiert und auch gegen mögliche Twitter-Ausfälle gefeit. Man kann aber auch den umgekehrten Weg gehen und verschiedene Twitter-Accounts oder Hashtags in den Ticker einbinden. Diese Quellen lassen sich zusätzlich nach bestimmten Stichworten filtern, um die Relevanz zu erhöhen. Darüber hinaus macht es gerade bei längeren Liveblog-Sessions Sinn, einen Teil des Hintergrundmaterials schon vorbereitet zu haben – vorausgesetzt, es handelt sich um ein vorhersehbares Ereignis wie eine Wahl oder ein Sportwettkampf. In diesem Fall macht auch eine “Generalprobe” für den Live-Ticker Sinn.

 

Storify

Storify  ist ebenfalls ein sehr nützliches Werkzeug, um Ereignisse online zu begleiten. Es lässt sich als Live-Ticker verwenden, der Schwerpunkt liegt aber – der Name sagt es schon – auf dem kontinuierlichen Erzählen von Geschichten. Verschiedene Social-Media-Inhalte lassen sich so arrangieren, dass eine anschauliche Chronik der Geschehnisse entsteht. Das kann die Dokumentation der Affäre Wulff  sein – oder auch die fortlaufende Berichterstattung über einen Waldbrand in Colorado. Die Kuratierung der Inhalte erfolgt wahlweise via Webbrowser oder Mobile App, letztere gibt es aber bisher nur für das Betriebssystem iOS. Die Basis-Version von Storify ist kostenlos; wer die kostenpflichtige Version (“Storify VIP”) wählt, erhält Zusatz-Features wie die automatische Seitenaktualisierung, erweiterte Layout-Optionen, pdf-Export und Suchmaschinen-Optimierung. Verwendet wird Storify u.a. von der BBC, der New York Times, dem Wall Street Journal, CNN und Al Jazeera.

storify

Die Bedienung von Storify ist intuitiv und flexibel. In der linken Bildschirmhälfte befindet sich der Editor mit den ausgewählten Inhalten, in der rechten Bildschirmhälfte eine Suchmaske für Kanäle wie Twitter, YouTube und Facebook, aber auch für eigene und fremde Storify-Geschichten. Fundstücke lassen sich per Drag & Drop in die linke Spalte hinüberziehen, wo man die Reihenfolge jederzeit ändern kann. Storify übernimmt Metadaten wie Autor und Zeitstempel und macht daraus eine separate Quellenangabe, um die Transparenz der Berichterstattung zu erhöhen. Zwischen die Social-Media-Inhalte kann der Storify-Autor eigene Berichte, Kommentare und Überleitungen platzieren, denn nur so wird aus dem Feed eine zusammenhängende Geschichte. Wie auch ScribbleLive eignet sich Storify hervorragend, um die Leser in die Berichterstattung einzubeziehen und um die Ereignisse in einen größeren Kontext zu stellen.

Weitere Werkzeuge für Content Curation: RebelMouse, Scoop.it, Paper.li, Pinterest

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