25.02.2014

Was Textmining über das neue Sarrazin-Buch hervorbringt

Marvin Oppong hat sich dem neuen Machwerk datenjournalistisch genähert.


„Kopftuchmädchen“ war wohl das Wort, das im Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ des früheren Berliner Finanzsenators Thilo Sarrazin für die meiste Empörung sorgte. Gestern hat der umstrittene SPD-Politiker sein neues Buch „Der neue Tugendterror“ im Haus der Bundespressekonferenz in Berlin vorgestellt. Darin spricht er von „Denk- und Redeverboten“ in Deutschland.

Der torial Blog hat das neue Sarrazin-Buch mit dem kostenlosen Textmining-Programm AntConc 3.2.4w analysiert. Danach ist das am häufigsten verwendete Substantiv in dem Buch das Wort „Menschen“ mit 271 Erwähnungen (Rang 47 aller verwendeten Wörter), gefolgt von dem Substantiv „Deutschland“, das insgesamt 204 Mal (Rang 61) im Buch vorkommt.

Auf Platz drei der am häufigsten verwendeten Substantive steht „Prozent“ (168 Mal, Rang 72). Das Wort kommt deshalb so häufig vor, weil Sarrazin in seinem neuen Werk in allerfeinster Politikermanier mit allerhand Statistiken, Studien und Umfragen hantiert, um seine Thesen zu belegen. So wiederholt Sarrazin zum Beispiel die vom FR-Autor Arno Widmann als „Volksverhetzung“ bezeichnete Aussage aus seinem ersten Buch, „dass die Unterschiede der gemessenen Intelligenz zu 50 bis 80 Prozent erblich“ seien. An anderer Stelle schreibt Sarrazin über die „Leistungen von Völkern und Ethnien“, dass vor „hundert Jahren Deutsch die dominierende Wissenschaftssprache“ gewesen sei. „Rund fünfzig Prozent der wissenschaftlichen Literatur in der Welt erschien auf Deutsch.“ An anderer Stelle zitiert Sarrazin einen pakistanischen Atomphysiker mit der Aussage, dass auf dem Campus seiner Universität in Islamabad heutzutage „70 Prozent der Frauen komplett verhüllt“ seien. Zudem zitiert er eine Umfrage unter Männern in der Türkei, nach der 28 Prozent „Gewalt gegen Frauen für unerlässlich“ halten. Schließlich führt Sarrazin eine vier Jahre alte Studie des Bundesinnenministeriums an, der zufolge „25 Prozent“ der jungen Muslime in Deutschland „radikal oder islamistisch eingestellt“ seien.

Besonders überraschend: Auch den Begriff „Neger“ verwendet Sarrazins in seinem Buch fünf Mal. Das Wort hielt Sarrazins Verlag Deutsche Verlags-Anstalt anscheinend für so wichtig, dass man es sogar zum Nachschlagen in das Register des Buchs aufgenommen hat. Obendrein beinhaltet ein ganzer Abschnitt im Inhaltsverzeichnis des Buches das N-Wort. Er lautet: „Die Sprache der Märchen: Negerkönige und Chinesenmädchen“. In dem Abschnitt schreibt Sarrazin, die „Diskussion über politische Korrektheit“ habe ihn „nie so richtig interessiert“. „Belustigt registriere ich das Verschwinden von ‚Negerkuss‘ und ‚Mohrenkopf‘ aus dem Sprachschatz des Konditors und zitierte aus Othello: ‚Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen‘.“ Sarrazin beklagt sprachliche „Purgierungsversuche“. Er erwehre sich „des Zeitgeistes mit Spott“.

An anderer Stelle schreibt der frühere Finanzsenator, das vor kurzem aus dem Kinderbuch Pippi Langstrumpf entfernte Wort „Negerkönig“ könne „im märchenhaften Kontext eines Kinderbuches ohne weiteres weiter verwendet werden, ohne, dass dies als Verstoß gegen eine relevante soziale Norm zu betrachten wäre“. Der Begriff der „politischen Korrektheit“ erfasse „überflüssige bzw. lächerliche Normen“, sei „unbrauchbar“.

Die Verwendung des N-Wortes rechtfertigt Sarrazin mit einem schrägen Vergleich: „Wer nämlich den ‚Negerkönig‘ in Pippi Langstrumpf auf den Index setzt, wird auch mit einem ‚halben Türken‘ seine Schwierigkeiten haben, obwohl die Auswirkungen eines jeden Selbstmordattentats in Bagdad oder Kabul weitaus fürchterlicher sind.“

Schwarzen Amerikanern sagt Sarrazin zudem nach, das Problem „überdurchschnittliche Kriminalität“ zu haben. Unter anderem werde dies als „negativ für das Gruppenprestige gesehen, was wiederum den emotionalen Klang der Gruppenbezeichnung negativ“ beeinflusse. Daher stamme die Motivation der Schwarzen „zur Änderung des akzeptierten Gruppennamens“.

Bei der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD) stößt Sarrazins Sprachpolicy auf Kritik. „Thilo Sarrazin wurde bereits in der Vergangenheit der Vorwurf gemacht, dass er sich bei seinen Ausführungen rassistischer Konzepte bedient und Diskriminierung Vorschub leistet. Wie berechtigt dieser Vorwurf ist, zeigt sich darin, dass er in seinem neuen Buch nicht nur das diskriminierende „N-Wort“ benutzt, sondern auch krude und falsche Theorien und falsche Zusammenhänge zum geschichtlichen Hintergrund der Wörter ableitet“, so ISD-Vorstand Tahir Della. Dellas Vorstandskollegin Hadija Haruna ergänzt: „Fakt ist, dass das N-Wort spätestens seit der Neuzeit nie neutral verwendet wurde. Es ist unzertrennlich mit der Geschichte der Sklaverei und des Kolonialismus verbunden.“

Besonders häufig verwendet Sarrazin auch den Begriff „Intelligenz“ – insgesamt kommt er 74 Mal im Buch vor und liegt auf Platz 150 aller verwendeten Wörter. Sarrazin spricht unter anderem davon, dass bei der Erblichkeit von Intelligenz zwei Fragen auftauchten, bei deren Analyse man „vermintes Gelände“ betrete. Eine davon sei „die Erklärung der zwischen den Ethnien gemessenen Intelligenzunterschiede“. Bei seinem ersten Buch war Sarrazin heftig für seine biologistischen Thesen kritisiert worden.

Screenshot 3

Screenshot: Laut „AntConc“ kommt der Wortbestandteil „ethnisch“ insgesamt 32 Mal quer über Sarrazins Buch verteilt vor.


Der Mediendienst Integration hat Sarrazins Aussagen in dem neuen Buch, die auf seine alten Thesen Bezug nehmen, in einem Fakten-Check zusammengefasst. Der Mediendienst ist ein Projekt des Rats für Migration e.V., einem bundesweiten Zusammenschluss von Migrationsforschern. Finanziert wird der Mediendienst unter anderem von der Migrationsbeauftragten der Bundesregierung; im Fachbeirat sitzen unter anderem Zeit-Autorin Özlem Topcu und die ZDF-Journalistin Dunja Hayali.

Der Mediendienst schreibt, Sarrazin vertrete in seinem neuen Buch den Standpunkt, die Medien hätten „krasse Falschbehauptungen“ über seine Thesen ständig wiederholt, die er in seinen Interviews nicht ausführlich genug habe richtigstellen können. Eine zusätzliche Analyse von Sarrazins Medienauftritten, die der Mediendienst durchgeführt hat, kommt jedoch zu einem anderen Ergebnis: Allein in elf Talkshows sei er acht Stunden lang zu sehen gewesen und habe seine Meinung kundtun können.

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