13.01.2014

Techniken und Tools zur Verifizierung, Teil 1: Fotos

Rasante virale Verbreitung und erhöhter Veröffentlichungsdruck lassen wenig Zeit für eine solide Verifizierung.

Ob Syrien-Konflikt oder Hurrican Sandy: Aufnahmen von Augenzeugen spielen in der Berichterstattung gerade aus Krisengebieten, Katastrophensituationen eine immer größere Rolle. Schließlich sind die Menschen vor Ort naturgemäß näher am Geschehen als professionelle Journalisten. Umso dringlicher ist eine schnelle Verifizierung. Schließlich will man sich als Journalist nicht der Peinlichkeit aussetzen, auf einen Hoax hereingefallen zu sein oder  weit – gravierender – zum unfreiwilligen Multiplikator propagandistischer Interessen werden.

Um die Verifizierung von Augenzeugenfotos und -Videos zu erleichtern, haben die US-Menschenrechtsgruppe Witness und die Programmierergruppe The Guardian Project gemeinsam InformaCam entwickelt. Die Android-App sammelt während der Aufnahme Metadaten wie etwa GPS-Koordinaten, Kompasspeilung, Höhe und Lichtverhältnisse zum Aufnahmezeitpunkt, sowie den Zeitstempel. Die werden dann mit der Aufnahme verschlüsselt an den Adressaten – die Redaktion oder Menschenrechtsorganisation – übermittelt. So lässt sich die Authentizität der Aufnahmen von gutwilligen, mit Android-Smartphones ausgestatten Augenzeugen, die vorausschauend die entsprechende App installiert haben, besser gewährleisten. In allen anderen Fällen ist eine umfangreichere Verifizierung unvermeidlich.

Selbstverständlich ist hundertprozentige Gewissheit dabei kaum zu haben. Aber es gibt diverse Möglichkeiten und Methoden um Indizien für die Vertrauenswürdigkeit oder Fragwürdigkeit eines Foto, Videos, Tweets oder einer  Website zu finden.

Die Grundregel der Verifizierung lautet: gesundes Misstrauen. Ist der vermeintliche Schnappschuss zu schön, zu scharf, zu sensationell, um wahr zu sein? Schreit, quengelt und bettelt alles am Tweet, am Foto oder Video danach, verlinkt zu werden? Dann gibt es guten Grund zur Annahme, dass es sich um einen Fake handelt. In dubio pro reo gilt bei der Verifizierung natürlich nie: Statt nach Gründen für die Echtheit zu suchen, sollte man sich darauf konzentrieren mögliche Widersprüche und Unstimmigkeiten zu identifizieren.

Verifizierung von Fotos

  1. Überprüfe den Fußabdruck des Bildes im Netz mit Googles Bildsuche und Tineye. Bei der Rückwärtsbildsuche kann man Ergebnisse danach sortieren, wie stark sie modifiziert, oder wann sie eingestellt wurden. Einen Photoshop-Fake kann man so etwa durch das Auffinden des Originals entlarven. Bei einem angeblich aktuellen Bild aus einem Katastrophen- oder Krisengebiet überprüfen, ob es nicht zu einem früheren Zeitpunkt in einem anderen Kontext entstanden ist.
  1. Überprüfe die Metadaten des Bildes: Was sagen die ausgelesenen Exif-Daten über Aufnahmezeitpunkt und Kamera aus? Ein Exif-Viewer findet sich hier und hier.
  1. Vergleiche den angeblichen oder vermutlichen Schauplatz des Bildes mit existierenden Karten und anderen Aufnahmen aus der Region. Was findet sich dazu auf Google Maps oder Panoramio?
  1. Analysiere das Wetter: Stimmen die Wettervorhersagen mit dem angegebenen Ort und Zeitpunkt überein? Wolframalpha leistet hier gute Dienste.
  1. Bestätigen Kleidung, Gebäude, Nationalsymbole, Autokennzeichen und Straßenschilder, dass das Bild tatsächlich am behaupteten Ort entstanden ist, bzw. liefern sie bei einem nicht lokalisierten Foto Hinweise darauf, wo es aufgenommen sein könnte?
  1. Finden sich Bilder, die der Fotograf vor und nach der in Frage stehenden Aufnahme geschossen hat, die als Vergleich dienen können?
  1. Überprüfe die Quelle. Ist der Uploader auch der Urheber oder hat er es nur weitergeleitet? Ermittle und kontaktiere den Urheber via Telefon oder Skype um Näheres über die Entstehung des Bildes zu erfragen. Einen propagandistisch motivierten Betrug wird man so zwar kaum entlarven, aber humorig gemeinte Photoshop-Foppereien können auf diesem Weg bereits aufgeklärt, Verdachtmomente untermauert oder entschärft werden. Bitte den Urheber, ein weiteres Foto mit einem lokalen Wahrzeichen zu schießen (wiederum Exif-Daten auslesen).
  1. Überprüfe die Upload-History der Quelle um zu ermitteln, ob sie bereits vorher vertrauenswürdige Inhalte (aus der fraglichen Region) hochgeladen hat.
  1. Gibt es Indizien für eine Nachbearbeitung des Bildes? Stimmen Schatten und Lichtverhältnisse zum Sonnenstand des fraglichen Zeitpunkts? Wurde möglicherweise etwas hinzugefügt/wegretuschiert? Image Error Level Analyser wie Fotoforensics geben fundierte Hinweise auf den Bearbeitungsgrad eines Bildes.

 

In Teil 2 geht es um die Verifizierung von Videos, Websites und Twitter-Accounts.

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