15.10.2013

Storytelling: Warum so linear des Wegs?

Multitasking muss auch endlich seine Entsprechung in den journalistischen Erzählformen finden. Wenn wir die Visualisierung eines Blogger-Netzwerks ansehen, haben wir damit schon ein ziemlich starkes Beispiel, meint Datenjournalist Michael Hörz.

#blognetz

Denn es zeigt zum einen, dass alles etwas schnörkeliger und windungsreicher ist, als es ein Vereinfacher zum vermeintlichen Wohle des Publikums gerne hätte. Zum anderen ist es ein Live-Beispiel für neue Formen des Storytelling. In diesem Fall geht es um ein Verbindungen zwischen mehr und weniger einflussreichen Bloggern in Deutschland, die sich jede Person interaktiv erschließen kann.

Das Schöne der interaktiven Präsentation von Daten sind die vielfältigen Einstiege, die sie bieten. Es gibt nicht mehr einen einzig wahren Weg, eine Geschichte wahrzunehmen. Wenn ein Nutzer anders herangeht, ist das ebenso sinnvoll. Im besten Fall bietet eine Präsentation Nutzerinnen und Nutzern einen ganzen Strauß voll Möglichkeiten. Sie können sich ihren Fokus selbst setzen, von einem Knotenpunkt gehen viele Pfade ab. Und es kann sogar ziemlich spielerisch und zugleich erklärend sein, wie die interaktive Grafik der New York Times zu den US-Wahlszenarien 2012 zeigt.

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Interaktive Karten wiederum liefern Nutzern ein persönliches Angebot mit, wenn sie etwa ihren Wunsch-Ort eingeben können. Mit weiteren Reglern können sie sich eine ganz persönliche Auswahl bauen. In einer Karte stecken also dutzende oder sogar hunderte Karten.

Solche Arten des Storytellings haben ein neues, deutlich anderes Verständnis ihrer Nutzer. Bei klassischen Infografiken bekommen Konsumenten eine Auswahl vorgesetzt – Redaktion und Grafiker entscheiden, welcher Punkt der wichtigste und interessanteste ist. Ob ihre Leser das vielleicht ganz anders sehen, werden sie nie erfahren. Kaum jemand wird deswegen extra anrufen oder schreiben. Wenn Redaktionen dagegen mit einer interaktiven Grafik mehrere Möglichkeiten anbieten, lässt sich sehr einfach messen, was wie ankommt. Aus dem Konsument wird ein aktiver Nutzer mit großem „Involvement“, was Werbeabteilungen und Controller im Zweifelsfall immer ganz toll finden.

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Interessant finde ich auch, dass elaborierte Online-Erzählformen mit langen Texten, großartigen Fotos, Videos, Animationen, Audio-Snippets und hunderten von Stunden hineingesteckter Arbeit inzwischen eine eigene Genre-Bezeichnung gefunden haben: „Snowfall“, nach der wieder einmal stilbildenden New York Times und ihrem Snowfall-Projekt. Andere sagen dann: „Wir haben jetzt auch ein ‚Snowfall’ gemacht“. Es gibt mit Scrollkit sogar eine Art „Snowfall for Dummies“. Allerdings sollte man die New York Times dabei nicht erwähnen, sonst gibt es sehr linearen Ärger.

Was gibt es noch? Mit Tools wie Timeline JS oder TimeMapper lassen sich Timelines erstellen, die komplexe Abfolgen verständlicher machen. Ein Nutzer kann über die waage- oder senkrechte Grundlinie hinweg fliegen und sich so einen einen Überblick aus der Vogelperspektive verschaffen. Wer mehr wissen will, klickt auf Einzelereignisse und bekommt Details. Wiederum lege ich meine Nutzer nicht fest. Sie selbst entscheiden, wo sie vertiefen, was sie zuerst ansehen.

EatingWater

Immer noch spannend ist aber auch ein geschlossenes System, wie Angela Morellis großartige Visualisierung zu Wasser. Immer weiter scrollt man sich durch die geschmeidige Grafik, Stück um Stück baut sich ein großes, stimmiges Bild auf – wir verbrauchen bei vielen täglichen Dingen direkt und indirekt Wasser.

Diese neuen Formen des Storytellings werden Texte nicht überflüssig machen, sondern sie ergänzen, manchmal auch ausstechen. Das kommt auf das Beispiel an. Dieser Text ist eher linear erzählt – doch die eingebauten Beispiele sind ganz und gar nicht linear.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in: JOURNALISMUS & NETZ, JOURNALISMUS & TECHNIK, Neue Formate, Publizieren
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