19.08.2013

Anmerkungen im Web: Die Randspalte kommt zurück

Kommentare in der Seitenspalte könnten eine Möglichkeit sein, den Austausch mit dem Leser anzukurbeln. David Pachali hat sich das angeschaut.

In der Theorie klingt es gut: Leser kommentieren, bringen Hinweise und Korrekturen ein, die wiederum in Updates und Fortsetzungen münden: Prozessjournalismus. In der Praxis sieht es häufig anders aus. Kommentarspalten sind die billigen Plätze des Internets geworden. Der Ton ist schlecht, der Gewinn gering, die Worte der Kommentatoren verhallen. Bei manchen Seiten bleibt der Eindruck: Die Kommentarspalten sind zur selbstgenügsamen Echokammer geworden. Oder zum eigenen Ökosystem, das höchstens ein paar Reizworte aus den Artikeln aufnimmt. Der „Welt”-Kommentarschreiber ist schon fast sprichwörtlich.

In letzter Zeit aber tut sich wieder etwas: Plattformen wie Quartz und Medium.com haben die Kommentare jetzt in die Seitenspalte verlegt. Eine kleine Änderung, die dennoch Folgen haben könnte. Quartz, der Business-Ableger des „Atlantic“, nennt die Funktion „Annotations”. Leserinnen und Leser können damit pro Absatz kommentieren. Nebenbei wird so sichtbar, welche Sätze und Abschnitte besonders zur Antwort reizen.

Ganz neu ist das nicht: Bei der Plattform Project Syndicate etwa lassen sich Kommentare schon länger per Stecknadel an den Text pinnen. Wer Google Docs oder Soundcloud nutzt, dem dürften die neuen Anmerkungen ohnehin bekannt vorkommen – die „Annotations” übertragen das Prinzip auf publizierte Texte. Das Team um den Quartz-Entwicklungschef Michael Donohoe nennt ein weiteres, weiter zurückliegendes Vorbild: Zeitungen des 17. und 18. Jahrhunderts wie das Boston Gazette and Country Journal, die mit breiten Rändern oder einer ganzen Seite für Notizen daherkamen.

Hoffen auf Qualität

Das von den Twitter-Mitgründern Evan Williams and Biz Stone gestartete Medium.com macht es ähnlich: Neben jedem Absatz lassen sich Anmerkungen anheften; der Autor entscheidet, was er veröffentlicht. Weniger soll mehr sein, so jedenfalls erhoffen es sich die Macher. Und fordern Autoren ausdrücklich dazu auf, Kommentare, die lediglich aus Bemerkungen wie „guter Artikel” bestehen, nicht öffentlich freizugeben.

Die Hoffnung auf bessere Kommentare durch neue Systeme ist nicht neu. Auch von zusätzlichen Nutzerbewertungen, Moderationen oder die Anmeldung über Facebook – und damit mehr Klarnamen – erhoffen sich viele Plattformen, dem prozessjournalistischen Gedanken wieder mehr Leben einzuhauchen. Erfolg haben sie da, wo sie Tendenzen der Nutzer aufnehmen und verstärken können. Ob das bei Annotationen gelingt?

Ein Faktor dabei dürfte die Einstiegshürde sein: Die Systeme bei Quartz und Medium.com erklären sich fast von allein – schließlich hat fast jeder schon einmal etwas an einen Buchrand geschrieben. Bei Vorläufer-Systemen musste man sich die Funktionsweise noch mühsam erarbeiten. Der Aufwand, wieder ein weiteres Benutzerkonto anzulegen, lässt sich immerhin mit der Twitter-Anmeldung umgehen.

Anmerkungen für’s Web

Doch in vielen, geschlossenen Plattformen könnte auch eine Beschränkung der neuen Systeme liegen: Nicht nur Quartz und Medium.com, auch die Financial Times hat mit Newslines bereits ein Experiment mit Leser-Notizen gestartet. Die Plattform Rapgenius.com – ursprünglich als Website für Songtext-Diskussionen gestartet – kündigte letztes Jahr an, ihren Ansatz auf alle möglichen Inhalte ausweiten zu wollen – ob Literatur, politische Reden oder wissenschaftliche Artikel. Am Ende könnten so viele neue Systeme stehen, die zwar gut funktionieren, aber füreinander blind bleiben – und gerade damit die Diskussionen wieder begrenzen, die sie fördern sollen.

Von dort ist es dann nur noch ein kleiner Sprung zum Ansatz, gleich das ganze Internet mit Anmerkungen zu versehen: Genau das versucht das Nonprofit-Projekt hypothes.is. Nicht nur eine neue Plattform, gleich ein ganzer, im Netz verteilter Layer soll Nutzern die Möglichkeit geben, beliebige Inhalte mit Anmerkungen zu versehen – auch dann, wenn etwa eine Zeitungsseite das von Haus aus nicht vorsieht. Dabei soll es auf Browsererweiterungen und offene Standards zurückgreifen, die unter anderem das Web-Konsortium W3C entwickelt hat.

Dass Web-Pioniere wie John Perry Barlow, Mark Surman von Mozilla oder Brewster Kahle vom Internet Archive das Projekt unterstützen, ist kein Zufall: Die Idee, alles jederzeit mit Anmerkungen zu versehen, begleitete das Web seit seinen Anfangstagen. Kommentare und Anmerkungen hatte schon Tim Berners-Lee in seinem Entwurf für ein Informationsmanagement-System vorgesehen. Auch der frühe Mosaic-Browser hatte eine „Annotate”-Funktion eingebaut, die dann nicht weiterverfogt wurde.

Dennoch konnten sich ähnliche Systeme nie wirklich durchsetzen: Das Annotea-System des W3C blieb ein Nischenprojekt, Google Sidewiki oder Thirdvoice stehen für weitere gescheiterte Projekte. Ob nun der große Durchbruch für’s annotierte Web kommt, bleibt ungewiss. Aber wer zuhört, was angemerkt wird, liegt auch ohne ihn nicht verkehrt.

 

  • Über David Pachali

    David Pachali arbeitet als freier Journalist zu Netzpolitik, digitaler Öffentlichkeit und Urheberrecht. Redakteur und Autor bei iRights.info. Er konzipierte und betreute zuletzt die Publikation „Öffentlichkeit im Wandel“ (Schriftenreihe der Heinrich-Böll-Stiftung, 2012). Konzeptentwickler für Online-Formate und -Publikationen.

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