25.04.2013

Willst du mit mir gehen? Manche Nachrichten sollten schnell vergessen werden. Auch im Netz

Mehr Kontrolle und mehr Sicherheit der eigenen Daten: Das wünschen sich viele in ihrer täglichen digitalen Kommunikation. Eine Reihe von neuen Diensten soll hier Abhilfe schaffen: Nachrichten werden vergänglich. Patrick Stegemann vom Redaktionsbüro Kooperative Berlin stellt zwei der Dienste, Snapchat und Wickr, sowie ihren Nutzen für Journalistinnen und Journalisten vor. 

WhisperNatürlich, Indiskretion und Probleme mit dem Datenschutz sind älter als das Internet. Der ein oder die andere wird sich vielleicht noch daran erinnern, wie Lehrer von Schülern heimlich auf Zettelchen geschriebene Nachrichten einsammelten, manchmal gar laut vorlasen. Kürzlich hat das Frankfurter Museum für Kommunikation – wie perfide – sogar eine Ausstellung mit mehr als 2.500 von Lehrern über Jahrzehnte eingesammelten Zettelchen gestaltet. Der bezeichnende Titel der Ausstellung: Willst du mit mir gehen?

Ein Dienst wider die Datensammelwut 

Im digitalen Zeitalter werden viele dieser liebreizenden Botschaften wohl nicht mehr analog, sondern per Facebook, WhatsApp oder mittels anderer Dienste verschickt. Die Probleme mit der Diskretion bleiben: Die im romantischen Überschwang geschriebene Nachricht, das aus einer Laune heraus versandte unvorteilhafte Foto bleiben beim Empfänger auch Monate später noch abrufbar, stets zur Weiterleitung verfügbar; von Sicherheitslücken und Datensammelwut bei sozialen Netzwerken und Messengern ganz zu schweigen. Angetreten, um dies zu ändern, ist beispielsweise der Dienst Snapchat: eine App, die Fotos und Textnachrichten verschickt und sie wenige Sekunden nach Empfang einfach wieder löscht. Maximal zehn Sekunden hat der Empfänger, um die Nachricht zu begutachten, bevor sie sich in Luft auflöst. Mit dieser App haben die beiden Gründer und Entwickler Evan Spiegel und Bobby Murphy für viel Aufsehen gesorgt und sind unlängst Teil eines Trends geworden: die Möglichkeit, digitale Inhalte vergänglich zu machen.

Snapshat: Sehr erfolgreich, ziemlich schlüpfrig 

Kein Wunder also, dass die App-Macher Anfang des Jahres den Preis des „Fastest Rising Startup“ bekamen. Mehr als 60 Millionen Nachrichten werden mit der App bereits täglich versandt und damit mehr als über den zu Facebook gehörenden Instagram-Dienst. Besonders erfolgreich ist die App in Norwegen, den USA, Australien und Dänemark. Mit dem Slogan „Vergänglichkeit hat einen Nutzen“ wirbt der Anbieter auf seinem Blog für den Dienst. Allerdings: Die Vergänglichkeit hat Lücken. Zwar wird das Anfertigen eines Screenshots erschwert, da beim Öffnen einer Nachricht der Finger auf den Bildschirm gehalten werden muss. Unmöglich ist es keinesfalls. Da verwundert es nicht, dass zahlreiche Blogs es sich zur Aufgabe gemacht haben, unzüchtige Fotos von Teenagern ins Netz zu stellen, die eigentlich nie das Licht der Öffentlichkeit erblicken sollten. CNN fragt daher treffend: Snapchat: Sexting tool, or the next Instagram?

Es geht auch professionell: Verschlüsselt kommunizieren 

Foto

Weniger für Teenies als auch für professionelle Anwender ist hingegen der ebenfalls als kostenlose App (leider bisher nur für Apple) angebotene Dienst Wickr. Auch hier können Nachrichten mit einem Verfallsdatum versehen werden. Anders als bei Snapshot werden die Daten jedoch verschlüsselt: Texte, Bilder, Videos und Audios werden direkt auf dem Gerät codiert und können nur auf dem Smartphone des Empfängers, der Wickr-User sein muss, gelesen werden. Mitgründerin des Start-ups ist die IT-Sicherheitsexpertin und in Hacker-Kreisen wohl bekannte Nico Sell. Auf Wickr können Nachrichten bis zu sechs Tage erhalten bleiben, der Sender kann jeder Nachricht einzeln ein digitales Haltbarkeitsdatum hinzufügen. Auch Wickr versucht, die Möglichkeit eines Screenshots zu verhindern, indem ein Punkt auf dem Bildschirm gleichmäßig gedrückt bleiben muss und der Inhalt verschwindet, sobald der Home-Button gedrückt wird. Die versendeten Daten werden auf keinem Server gespeichert, die sich auflösende Nachricht zudem nicht einfach nur gelöscht, sondern durch sinnlose Inhalte ersetzt. Das verhindert, dass die Nachricht mit Wiederherstellungstools auch nach Ablauf der zuvor vom Empfänger bestimmten Zeit gelesen werden kann.

Wickr – Ein Tool für Journalistinnen und Journalisten? 

Mit diesen Sicherheitsstandards ausgestattet kann die App auch von Journalisten für sensible Daten genutzt werden. Dies umso mehr, da die Bedienung der App sehr intuitiv gestaltet ist; einfacher sind verschlüsselte Nachrichten eigentlich nicht zu versenden. So können auch Quellen besser geschützt und Informationen sicherer weitergegeben werden. Einen Haken hat diese Art der Kommunikation allerdings: Bisher nutzen nur wenige den Dienst. Journalist_innen müssten demnach ihre Quellen zunächst danach abklopfen, ob sie ein iPhone haben, sie dann bitten, eine App zu installieren, einen Account anzulegen, und dann könne man endlich anfangen, Nachrichten auszutauschen. Ziemlich verwirrend also. Aber: Das Thema der Sicherheit von Daten ist aktuell und wird zunehmend von Softwareentwicklern berücksichtigt. Auf Snapshot und Wickr werden sicher noch andere Entwicklungen in diesem Bereich folgen, schließlich hat auch Facebook mit Poke mittlerweile einen ähnlichen Dienst vorgestellt. Sollten sich solcherlei Dienste durchsetzen, können heutige Teenager hoffen, dass ihre schmachtenden Liebesnachrichten ganz sicher nicht irgendwann im Museum landen.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in: JOURNALISMUS & SICHERHEIT, NEU
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