29.04.2013

Hat da jemand „Zeitung“ gesagt?

Facebook will mit seiner überarbeiteten „News Feed“-Funktion ganz offiziell zum „Personalized Newspaper“, also zur personalisierten Tageszeitung werden. Journalisten muss das nicht zwingend nervös machen, doch es zeigt, wohin der Hase bei dem weltgrößten sozialen Netzwerk läuft. Ben Schwan hat den Hasen für uns beobachtet.

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Es ist schon etwas merkwürdig, ausgerechnet aus dem Mund von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg den Begriff der „personalisierten Tageszeitung“ zu hören – und das auch noch bei der wohl wichtigsten Ankündigung, die der Social-Networking-Riese in den letzten Monaten vom Stapel ließ. Doch so war es tatsächlich bei der Anfang März erfolgten Vorstellung der Neugestaltung der Facebook-Funktion „News Feed“, die in den nächsten Wochen nach und nach mehr Nutzer erreichen dürfte.

Mit Journalismus hat dieser „News Feed 2.0“ auf den ersten Blick nur wenig zu tun. Es handelt sich um eine Überarbeitung von Facebooks zentraler Homepage-Anlaufstelle, auf der die Nutzerschaft sehen kann, was der Freundeskreis gerade treibt. Ein wenig angestaubt war diese geworden, vor allem furchtbar unübersichtlich und mit Algorithmen aufgebaut, die höchstens Facebook verstehen konnte. Man sah also nie wirklich alles, was sich im Freundeskreis und auf Seiten, die man abonniert hatte, tat – irgendetwas fehlte immer.

Zusammen mit vergrößerten Fotos und einem luftigeren Design soll News Feed nun neue Einstellungsmöglichkeiten bekommen, mit denen man verschiedene Darstellungen aufrufen kann. So erscheinen wahlweise alle (nach wie vor teilweise gefilterten) Infos, nur die Infos von Freunden (vollständig) oder die von Seiten, denen man folgt. Außerdem gibt es spezielle Ansichten für Ereignisse, Fotos und Musik. Die Idee dabei scheint zu sein, dass die Nutzerschaft mehr Zeit auf Facebook verbringen soll, weil die Inhalte angenehmer aufbereitet wurden.

Und tatsächlich ist diese personalisierte Tageszeitung ein bunter Haufen an Neuigkeitenlinks, bebilderten Postings des letzten Restaurantbesuchs des Freundeskreises, lustigen Videos und – zunehmend – Werbung. Bei Facebook hat man erkannt, dass letztere am besten mit guten Inhalten kombiniert wird.

Eine zunehmende Perfektionierung dieses Angebots steht zu erwarten. So hat sich Facebook erst kürzlich das Unternehmen Storylane gekauft, das sich auf das Auffinden und automatische Präsentieren von möglichst interessanten Social-Network-Inhalten konzentriert hatte.

Die praktische Idee sieht dann so aus: Aus den Postings der Freunde, den am häufigsten geteilten Geschichten diverser Medien und hübschen Bildern wird eine „News Feed 2.0“-Homepage, die die User am liebsten gar nicht mehr verlassen wollen. Die Anordnung übernehmen Algorithmen. Aus journalistischer Sicht kann man nur hoffen, dass die eigene – natürlich extern lagernde und nie für Facebook direkt geschriebene – Story hier irgendwie weiterhin vorkommt.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in: Dynamik am Markt, JOURNALISMUS & NETZ, NEU
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