27.03.2013

Crowdfunding – gut für Journalismus?

Ist der Journalismus in der Krise? Oder ist es das Finanzierungsmodell des Journalismus? Sonja Bettel, Autorin und Rundfunkjournalistin aus Wien, hat sich für torial die neuen Crowdfunding-Plattfomen angesehen. Sind sie eine echte Alternative?

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Crowdfunding – gut für Journalismus? Von Sonja Bettel

Seit Jahren ist der Journalismus in der Krise. Obwohl, nein – nicht der Journalismus ist in der Krise, die Finanzierung des (qualitativen) Journalismus ist es. Google schnappt den Zeitungsverlagen die Anzeigen weg, die Rundfunkanstalten leiden unter der Wirtschaftskrise, das Publikum pflegt eine “Gratismentalität” und alles wird teurer – wir kennen die Argumente, warum es kein Geld mehr gibt für Reisen, aufwändigere Recherchen, die Entwicklung neuer Formate oder ein Thema, das nicht auch alle anderen haben. Diskutiert wird deshalb über Leistungsschutzrechte, Paywalls, Presseförderungen, Stiftungen und Querfinanzierungen.

Doch es gibt eine Alternative: Crowdfunding für Journalismus. 

Der Journalist und entrepreneur David Cohn hat dafür in den USA schon im Jahr 2008 die Plattform Spot.us gestartet, die Anfangssubvention lieferte die Knight Foundation. Über Spot.Us kann die Bevölkerung Themen für Reportagen vorschlagen, an ihnen mitarbeiten und sie mitfinanzieren. Spot.Us ist also Crowdsourcing und Crowdfunding in einem. Eines der wichtigsten Projekte war ein Bericht von Lindsey Hoshaw über den riesigen Fleck Plastikmüll im Pazifik, der in der New York Times veröffentlicht wurde. Spot.us wurde im November 2011 von American Public Media gekauft.

Der freie Cartoonist und Kriegsreporter Ted Rall hat Anfang des Jahres 2010 auf Kickstarter von 211 Unterstützern 24.999 US-Dollar für eine Reise nach Afghanistan  gesammelt, “to get the real story”. Das Cartoon-Blog ist auf Ralls Website zu sehen.

Dabei ist das noch nicht einmal viel Geld. Andrea Seebrook, 20 Jahre lang Politik-Journalistin mit Schwerpunkt Kongress beim National Public Radio (NPR), hat im Herbst 2012 für ihr Blog und Podcast DecodeDC auf Kickstarter 100.724 Dollar eingesammelt, gefragt hatte sie nach 75.000. Sie habe NPR geliebt, aber sie sei jetzt auf der Suche nach neuen Formen, die Vorgänge in Washington DC darzustellen, erklärt sie in ihrem pitch auf Kickstarter.

Der ehemalige Mitarbeiter des Guardian und Redakteur bei GigaOM, Bobbie Johnson, hat im März 2012 sogar Zusagen für Spenden von 140.201 Dollar von 2.566 Unterstützern erhalten, um gemeinsam mit Jim Giles, Autor für Nature, The Atlantic, The Economist und New Scientist, das Medium MATTER aufzubauen. “MATTER is about brilliant ideas from all around the world, whether they come from professors at MIT or the minds of mad people. But most of all, it’s about getting amazing investigative reporters to tell compelling stories.”, hieß es in ihrem Aufruf. Ihr Ziel von 50.000 Dollar hatten sie nach nur zwei Tagen erreicht.

Kickstarter gilt als Vorreiter und erfolgreichster Anbieter von Crowdfunding. Kickstarter wurde im Jahr 2008 von den Entrepreneuren Perry Chen, Yancey Strickler und Charles Adler in New York City gegründet und hatte 10 Millionen Startkapital von Risikokapitalgebern. Seit dem Start wurden laut Auskunft des Unternehmens von mehr als drei Millionen Menschen 500 Millionen Dollar für Projekte zugesagt und mehr als 35.000 Projekte gefördert. Das Unternehmen hat heute 52 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Möchte man wissen, welche Rolle die Crowdfunding-Plattform für journalistische Projekte spielt, kann man sich hier einen Überblick verschaffen.

Bei solchen Summen können Journalisten, die ihre Projekte über die in Deutschland ansässige Plattform Krautreporter finanzieren wollen, nur andächtig nicken und die Zahlen dann schnell wieder vergessen. Dabei muss man aber auch bedenken, dass Kickstarter einen großen zeitlichen Vorsprung hat, die USA und der englischsprachige Raum um ein Vielfaches größer sind und vor allem in den USA die Finanzierung von Projekten, Forschung und auch Journalismus durch Spenden, Stiftungen und dergleichen Tradition hat.

Krautreporter wurde im Dezember 2012 auch nicht von Entrepreneuren, sondern von Medienleuten gegründet: Sebastian Esser ist Journalist und freier Autor und entwickelte bereits Spredder, einen Online-Shop für journalistische Texte. Wendelin Hübner ist Journalist und Internetunternehmer, er war bei N24, schreibt für Spiegel Online und hat Online-Plattformen im Sportbereich aufgebaut.

Obwohl Krautreporter erst im Januar 2013 mit dem Sammeln von Spenden begonnen hat, konnten schon sechs Projekte finanziert werden. Der erste Mutige, der sich auf Krautreporter als Finanzierungsbedürftiger geoutet hat, war der freie Journalist Klaus Bardenhagen, der seit dem Jahr 2009 auf Taiwan lebt und von dort für Print, Radio, Fernsehen und das Netz berichtet. Für sein Buchprojekt “Formosa! Das ist Taiwan” wollte Klaus Bardenhagen 2.000 Euro Produktionszuschuss und die Sicherheit haben, dass das Buch, das er als Book on demand veröffentlichen will, Käufer finden wird. Innerhalb von nicht ganz zwei Monaten haben 60 Unterstützer 2.445 Euro zugesagt.

Krautreporter und auch die anderen Crowdfunding-Plattformen für Journalismus können sicherlich nicht Verlage und Medienunternehmen, eine Redaktion, Tarif- bzw. Kollektivverträge und geregelte Finanzierungsstrukturen für Journalismus ersetzen; sie sollten es auch nicht. Journalismus hat eine wichtige Funktion für eine demokratische Gesellschaft und agiert auch am Markt. Doch Crowdfunding kann eine Nischenfinanzierung für Nischenprodukte ermögliche, wie es auf Krautreporter.de heißt:

“Krautreporter ermöglicht in der Medienstrukturkrise journalistische Arbeit, die Verlage und Sender nicht mehr finanzieren. (…) Crowdfunding ermöglicht außerdem journalistische Projekte, die zu innovativ, experimentell und neu sind; Formate, für die es noch kein tragfähiges Geschäftsmodell gibt, die aber vielleicht die Zukunft des Journalismus sein könnten, wenn sie eine Chance bekommen.” Drittens ermögliche Krautreporter Journalisten mit großer Leidenschaft für ein bestimmtes Thema, es genau so zu bearbeiten, wie sie es sich vorstellen.

Weil Crowdfunding nach dem Modell Kickstarter immer Prämien für die Unterstützerinnen und Unterstützer vorsieht, können Leser, Zuschauer und Hörer auch Teil von Projekten und einer Produktionsgemeinschaft werden, wie zum Beispiel beim Projekt “Kopf oder Zahl” des jungen österreichischen Mediengestalters Fabian Lang und dem Team des neuen Online-Magazins Paroli. Ziel ist eine interaktive, multimediale Webdoku, die sich mit der wirtschaftlichen Situation von jungen Erwachsenen in Europa beschäftigt und dabei Statistiken und Einzelschicksale, Emotionen und Daten, also Kopf oder Zahl gegenüberstellen will. Mitte März 2013 hat das Projekt knapp die Ziellinie von 4.000 Euro überschritten.

Das öffentlichkeitswirksamste Projekt auf Krautreporter ist bisher sicherlich LobbyPlag von OpenDataCity. Dabei geht es um die Entwicklung eines Open-Source-Transparenzwerkzeugs zum Lobbyismus in der EU.

Weitere interessante Crowdfunding-Plattformen für Journalismus sind zum Beispiel Emphas.is, ein Projekt von und für internationale Fotojournalisten, das französische jaimelinfo für Online-Qualitätsjournalismus oder das Schweizer Projekt Media Funders, gegründet vom Unternehmer Stefan Hertach. Media Funders soll eine gemeinnützige Plattform zur internationalen Förderung und Finanzierung von unabhängigem Journalismus werden. Was aus Media Funders wird, ist derzeit noch etwas unklar. Die Website ist zwar schon befüllt, konkrete journalistische Projekte sind darauf aber noch nicht zu finden und der letzte Eintrag stammt vom Mai 2012. Damals gab Media Funders bekannt, dass man gemeinsam mit der Schweizer Journalistenschule MAZ und anderen Partnern ein “unabhängiges interdisziplinäres Non-Profit-Medienlabor für proaktive Medienentwicklung und unabhängige Journalismusförderung” aufbauen möchte. Vielleicht ist es so still, weil Media Funders gerade daran arbeitet.

Sonja Bettel

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in: Ideen, Chancen, Risiken, JOURNALISMUS & NETZ, NEU, Neue Formate
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    Die Kooperative Berlin ist ein Redaktionsbüro und Netzwerk für digitale Kulturproduktion. Unter anderem produziert die Kooperative Berlin den täglichen Netzreporter für Dradio Wissen und den wöchentlichen NetScout für Deutschlandradio Kultur, die Werkstatt - Digitale Bildung in der Praxis, das Montagsradio - Netzgespräche zur Zeitgeschichte u.v.a. Markus Heidmeier ist als Netzjournalist bei der Kooperative zuständig für digitale und zeitbasierte Medien, schreibt neben dem DRadio Wissen-Netzreporter unter anderem auch für ZEIT Online und gehört zum Redaktions- und Moderatorenteamteam von Breitband. Jochen Thermann ist als Autor und Dramaturg unter anderem für mehrere Theater, für DRadio Wissen und den Tagesspiegel tätig.

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1 Kommentare zu diesem Artikel


  1. “Source: journalism code, community, and context” ist ein ebenso spannendes Projekt. Wäre schön, an dieser Stelle etwas darüber zu lesen.
    http://www.mozillaopennews.org/source.html
    https://source-dev.mozillalabs.com/en-US/articles/


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