18.12.2012

Sandy, Romney und Binders Full of Women

Die USA sind der Ort der publizistisch-technischen Innovationen in Sachen Online-Journalismus. Ulrike Langer, Autorin des Blogs Medial Digital lebt in Seattle und beobachtet für uns die Entwicklungen. In ihrem aktuellen Beitrag geht es um das Thema Datenvisualisierungen.

Bei Wirbelstürmen und Wahlen müssen sich US-Medien die visuelle Deutungshoheit mit Nutzern und Techunternehmen teilen.

Als Hurricane Sandy auf die amerikanische Ostküste traf, wurden Tausende von Betroffenen zu Fotoreportern. Bis zum Mittag des 30. Oktobers hatten Nutzer bereits mehr als 300.000 Fotos mit dem Stichwort #sandy und fast 150.000 weitere mit #hurricanesandy gekennzeichnete Bilder bei Instagram hochgeladen. Auf dem Höhepunkt des verheerenden Wirbelsturms kamen pro Sekunde zehn Bilder hinzu. Anhand Sandy wurde der umgreifende Medienwandel in mehreren Facetten sichtbar.

Erstens: Information und Kommunikation bei Breaking News vor der eigenen Haustür sind mittlerweile demokratisiert. Die Bilder und Grafiken, die im kollektiven Gedächtnis hängen bleiben, stammen nicht mehr nur von professionellen Fotografen und werden nicht mehr vorwiegend von Massenmedien verbreitet. Sogar schnell entlarvte Fake-Bilder wie der angebliche Haifisch im überfluteten Vorgarten können ebenso prominent werden wie Profiaufnahmen. Reporter ist jeder, der mit einer Handykamera vor Ort ist und seine Aufnahmen im Netz verbreitet. Um das Factchecking kümmert sich der Schwarm der Nutzer.

InstacaneDie New York Times nutzte die Gunst der Stunde per Crowdsourcing und bildete die Vielfalt der Sturmbildmotive aus dem sozialen Netz unter dem Stichwort #Instacane ab. Diese Unterseite bei Instagram hatte die NYRT ein Jahr vorher beim Hurricane Irene eingerichtet hatte. Dort laufen alle nutzergenerierten Fotos mit dem Stichwort #Instacane ein.

New Yorker Sandy CoverEin weit verbreiteter Unmut unter Fernsehzuschauern richtete sich gegen TV-Reporter und ihre nichtssagenden Aufsager vor klischeehafter Sturmkulisse. Berichtet lieber über das, was wir nicht schon längst wissen, und geht an Orte, zu denen wir keinen Zugang haben, lautete der Tenor der Beschwerden. Auf der anderen Seite führt die Demokratisierung der Fotoreportage auch dazu, dass professionelle Berichterstatter gezwungen werden, ausgelutschte Bildeinstellungen zugunsten neuer visueller Ansätze aufgeben. Das wahrscheinlich preiswürdige Luftbild vom halbdunklen Manhattan auf der Titelseite des „New York“ Magazins entstand, weil Fotograf Iwan Baan die kommende nutzergenerierte Flut von Sturmbildern vorhersah und auf der Suche nach einer außergewöhnlichen Perspektive einen Hubschrauber mietete.

sandy-Foursquare-Check-InsAußerdem zeigte sich: Medien konkurrieren mit technologischen Plattformen um Relevanz. Die zwei Jahre alte Plattform Instagram war lange nur eine coole App, mit der Smartphone-Nutzer ihre Alltagsfotos mit Retro-Effekten aufpeppen und ihren virtuellen Freunden zeigen können. Doch während des Wirbelsturms zeigte sich, dass sich die Mobilanwendung nach YouTube, Twitter und Facebook mittlerweile auch zu einem Werkzeug der Krisenberichterstattung entwickelt hat. Google veröffentlichte Krisenkarten, auf denen Nutzer Informationen eintragen konnten, und der ortsbasierte Dienst Foursquare zeigte mit einer Vorher-Nachher-Visualisierung von Check-ins (Nutzer teilen anderen Nutzern mit, wo sie gerade sind), wie das öffentliche Leben in Lower Manhattan nach den flächendeckenden Stromausfällen zum Stillstand kam. SubwayMapNov2Die New Yorker Verkehrsbetriebe MTA arbeiteten rund um die Uhr – nicht nur an der Reparatur ihres überfluteten und teilweise weggespülten Streckennetzes, sondern auch an den Informationen für ihre Fahrgäste. Neben Durchsagen und Aushängen bediente sich MTA dabei auch der prägnantesten Darstellungsform für öffentliche Verkehrsnetze: der schematisierten Liniennetzkarte. Zeitweise veröffentlichte MTA täglich neue Karten, auf denen provisorische und wiederhergestellte Linien eingezeichnet waren.

Mehr Zeit im Vorfeld, um interessante Visualisierungsansätze zu planen, hatten amerikanische Medien und Techunternehmen natürlich beim zweiten großen Nachrichtenereignis des Herbstes: den Präsidentschaftswahlen. Auch hier zeigte sich wieder, dass US-Medien immer stärker die Informationen und Meinungsäußerungen von Nutzern über Techplattformen einbinden. Die „Washington Post“ programmierte eine Politik-App für das iPad, die Stimmungen und Informationen aus dem sozialen Netz sammelte und sortierte. Die Anwendung erinnert mit ihrem betont grafischen Design an Flipboard, das Beiträge aus dem sozialen Netz magazinartig darstellt.

CrowdwireCrowdwire, das Nonprofit-Projekt der MIT Media Lab Tochterfirma Bluefin Labs, soll das Zusammenspiel von Politik und Social Media analysieren und den Pulsschlag politischer Vorgänge messen. Zur Präsidentschaftswahl programmierte Bluefine Labs eine interessante Darstellung, die in Echtzeit Statusmeldungen von Nutzern anzeigte. Diese hatten gerade ihr Wahllokal verlassen und twitterten oder teilten bei Facebook mit, wen sie gewählt hatten. (Wären alleine diese Social-Media-Nutzer wahlberechtigt gewesen, NBC_Instagramhätte Obama mit doppelt so vielen Stimmen wie Romney haushoch gewonnen). NBC News sammelte Wahlfotos von Nutzern unter dem Stichwort #NBCPolitics, die New York Times stellte eine Auswahl der interessantesten Bilder unter #NYTelection auf ihre Website. Doch die wohl bekannteste Visualisierung aus dem Wahlkampf stammte einmal mehr nicht von einem Medienunternehmen: Als Mitt Romney in der zweiten Fernsehdebatte erzählte, er habe „Aktenordner voller Frauen“, wurde der Lapsus sofort viral verbreitet – auf dem Tumblr-Blog einer 23-jährigen arbeitslosen Social-Media-Managerin mit dem Titel „Binders Full of Women“.

von Ulrike Langer

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in: Ideen, Chancen, Risiken, JOURNALISMUS & NETZ, JOURNALISMUS & TECHNIK, NEU
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