02.11.2012

Wired – Kultmagazin der digitalen Lifestyle-Jünger


Es gibt Magazine, die kann man lesen und es gibt Magazine, die muss man lesen. Zumindest wenn man sich im digitalen Weltall auskennen will. Die US-amerikanische WIRED ist eines dieser Magazine, das man kennen muss. Ulrike Langer, Autorin des Blogs
Mediadigital mit Wohnsitz in Seattle, stellt das Magazin als weiteren Teil unserer Serie Journalismus in den USA vor.

Für die meisten Hollywoodstars ist es eine Ehre, einmal im Leben einem Charakter in einer „Simpons“-Folge ihre Stimme zu leihen. Analog dazu gilt: Wer als Netzvordenker etwas auf sich hält, sollte wenigstens einmal einen Beitrag für die 1993 in San Francisco gegründete Zeitschrift Wired oder ihre Website www.wired.com geschrieben haben. So liest sich denn die Autorenliste des weltweit führenden digitalen Lifestyle-Magazins wie ein „Who is Who“ der Webpioniere. Zu den Kolumnisten gehörten bis heute unter anderem Nicholas Negroponte vom MIT Media Lab, Esther Dyson von der Electronic Frontier Foundation, Stewart Brand, Chefredakteur des in den 60er- und 70er-Jahren legendären Whole Earth Catalogue und Gründer des Pioniernetzwerks The Well, die Romanautoren Douglas Coupland, Cory Doctorow und William Gibson sowie der Gründer des Creative Commons Urheberrechtssystems Lawrence Lessig.

Wired ging im Oktober 1994 als erste kommerzielle Zeitschrift unter dem Namen Hotwired ins Internet, wobei nicht nur der Name, sondern auch die Webinhalte und das Team von der gedruckten Zeitschrift unabhängig waren. Erster Chefredakteur der Webausgabe war der Netzvisionär Howard Rheingold. In der Frühzeit des World Wide Web stammten etliche Pionierleistungen aus dem Hotwired-Loft in San Franciscos hippem Stadtteil South of Market (SoMa): eine frühe Suchmaschine (HotBot, gehört inzwischen zum Internetunternehmen Lycos), das erste grafische Werbebanner im Netz (für die Telefongesellschaft AT&T), das erste Direktmarketing und die ersten Echtzeit-Statistiken im Netz (HotStats).

Auch Wortschöpfungen, die das Netz geprägt haben, gehen auf das Wired-Team zurück. Howard Rheingold erfand den Begriff „virtuelle Communities“ schon lange vor dem Start von Friendster und MySpace. Der Begriff „Crowdsourcing“ tauchte ebenfalls zunächst bei Wired auf. Chris Anderson, der die Chefredaktion 2001, kurz nach der Dot.com-Krise, von Mitgründer Louis Rossetto übernahm, machte die Zeitschrift und die 2004 ans Heft angedockte Website wired.com für die mittlerweile breite Masse der Webnutzer zugänglicher. Er erfand den „Longtail“ (das Netz ermöglicht, auch wenig nachgefragte Produkte auf dem Markt anzubieten) und das „Freemium“-Konzept (eine Wortschöpfung aus „free“ und „premium“) und schrieb darüber Bücher.

In seinen Titelstorys bemüht sich Wired, seit Anderson am Ruder ist, Netzthemen mit einer weniger elitären Haltung zu behandeln und mit verwandten wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Zukunftsfragen zu verknüpfen. Wasserstoffautos, Open-Source-Konzepte, Outsourcing als Arbeitsform und die Maker-Szene (Do-it-Your-Tech-Tüftler, die u. a. 3-D-Drucker nutzen) waren Titelgeschichten in jüngerer Zeit. In einer legendären Webaktion tauchte Autor Evan Ratcliffe im August 2009 unter und gab den Wired-Nutzern 30 Tage Zeit, um ihn zu finden. Sie fanden ihn nach 24 Tagen und bewiesen, dass es heutzutage nahezu unmöglich ist zu verschwinden, ohne elektronische Spuren und Bilder auf Überwachungskameras zu hinterlassen.

Nach jahrelanger Diversifikation im Mutterland USA, unter anderem auch mit einem eigenen Börsenindex (The Wired 40), einem Lexikon (Geekipedia) und der Veranstaltungsreihe Wired Nextfest (2004 bis 2008), expandiert Wired, das seit einigen Jahren dem Verlag Condé Nast gehört, nun verstärkt ins Ausland. Nach der britischen und italienischen Ausgabe startete im September 2011 die vorerst halbjährlich erscheinende deutsche Ausgabe (Heft und Website www.wired.de). Eine indische Version ist geplant.

Ulrike Langer

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in: JOURNALISMUS & NETZ, Netzmagazine in den USA, NEU, Neue Formate

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