02.10.2012

Relevant, innovativ, stiftungsfinanziert – das Netzmagazin ProPublica in den USA

Auch wenn die USA als großer Innovator längst nicht mehr in allen Branchen unumstritten sind, in Fragen der Netzkultur und der Erneuerung des Journalismus sind sie immer noch führend. Für uns Anlass genug, die stärksten und innovativsten Netzformate vorzustellen.

Ein Grund für die größere Innovationskraft US-amerikanischer Netzmedien ist der drastischere Medienwandel in den Vereinigten Staaten. Er vollzieht sich schneller und radikaler als in Europa, insbesondere in Deutschland. Die Zeitungskrise fällt dramatischer aus als hierzulande und es gibt keinen flächendeckenden öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Genügend Gründe, Magazine und Projekte wie Wired, Politico oder die Huffington Post in den Blick zu nehmen. 

Zum Auftakt geht’s um das mehrfach preisgekrönte Portal ProPublica. Ulrike Langer vom Blog medialdigital.de berichtet für uns direkt aus den USA.

Relevant, innovativ, stiftungsfinanziert – das Netzmagazin ProPublica in den USA von Ulrike Langer

Einen Pulitzerpreis zu gewinnen, gilt im amerikanischen Journalismus als die höchste Auszeichnung. ProPublica (www.propublica.org) hat gleich zwei dieser Trophäen für seine bahnbrechenden investigativen Geschichten errungen – als bisher einziges Onlineportal. ProPublica hat sich durch seine aufwendig recherchierten Reportagen zu bedeutsamen Themen innerhalb von vier Jahren einen Platz in der Topliga der einflussreichsten Medien erobert: Neben Dutzenden weiterer Auszeichnungen errang das Portal 2010 den ersten Pulitzerpreis für eine Reportage über die Zustände in einem Krankenhaus in New Orleans nach dem Hurricane Katrina, beim zweiten Pulitzerpreis ein Jahr später deckten ProPublica-Reporter zweifelhafte Praktiken an der Wall Street auf. Dabei arbeiten in der New Yorker Redaktion nur rund 20 Reporter. Das sind verschwindend wenige im Vergleich zu den großen renommierten US-Medien wie New York Times oder Washington Post, die trotz mehrfacher Sparrunden immer noch jeweils mehrere hundert Reporter in ihren Redaktionen beschäftigen.

Sex, Crime und Prominentenklatsch, die üblichen Klickgaranten bei vielen Onlinemedien, sucht man bei ProPublica vergeblich. Das Medienportal berichtet nur über Themen, an denen ein besonderes gesellschaftliches Interesse besteht. Die Journalisten decken Korruption, Steuerverschwendung und öffentliche Missstände auf. Und zwar vor allem in solchen Fällen, wo andere Medien nicht darüber berichten; sei es, weil ihnen Informationen fehlen oder weil ihnen die Recherche zu riskant und aufwendig erscheint. Alle Beiträge stehen unter einer „Creative Commons“-Lizenz. Das bedeutet: Sie dürfen von anderen Medien oder Blogs kostenfrei auf deren Seiten veröffentlich werden, solange ProPublica als Urheber genannt und keine Änderungen oder Kürzungen vorgenommen werden. Bisher kooperierte ProPublica mit über 110 namhaften Partnern, teilweise schon bei der Recherche, vor allem aber bei der Verbreitung von Berichten. Unter den Partnern sind die New York Times und der öffentlich-rechtliche Radiosender NPR, aber auch neuere Online-Magazine wie Slate oder Salon.

ProPublica wurde 2007 von den Mäzenen Herbert und Marion Sandler als Non-Profit-Projekt gegründet, Chefredakteur ist Paul Steiger, der zuvor die Redaktion des Wall Street Journal leitete. Die Plattform finanziert sich weder durch Werbung noch durch Nutzungsgebühren, sondern ausschließlich über Zuwendungen aus Stiftungen und privaten Spenden. Der Großteil des Budgets stammt bisher mit 10 Millionen Dollar jährlich aus dem Vermögen der Sandlers. Sie haben sich verpflichtet, auf die redaktionelle Linie von ProPublica keinerlei Einfluss zu nehmen. Um die finanzielle Zukunft der Plattform zu sichern, will ProPublica allerdings künftig Werbung unter strengen Auflagen akzeptieren. Außerdem stammt ein zunehmender Teil der Einnahmen aus Verkäufen von E-Books. Der Zugang zur Website selbst und lizensierte Übernahmen sollen weiterhin kostenfrei bleiben.

Experimentierfreude zeigt ProPublica auch bei innovativen journalistischen Darstellungsformen. So werden Themensammlungen (Dossiers) häufig um sogenannte „News Apps“ ergänzt. Das sind eigens programmierte Datenbänke, in denen Nutzer über eine einfach zu bedienende Eingabemaske selbst nach Informationen zu einem Thema suchen können, die für sie besonders relevant sind. So veröffentlichte ProPublica 2011 beispielsweise einen Bericht über Ärzte, die sich von der Pharmaindustrie für Vorträge über die Vorzüge von Medikamenten bezahlen lassen. Über die dazugehörige „Dollars for Docs“-Applikation kann man nachschauen, ob der eigene Arzt auch zu den Vorteilsempfängern gehört.

Ulrike Langer

1 Trackbacks/Pingbacks

  1. torial Blog | Stiftungsjournalismus in den USA 14 04 14

Kommentieren

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.