08.06.2012

Datenjournalismus für Anfänger

Zu den wichtigsten Neuerungen in der Publizistik der letzten Zeit zählt der Datenjournalismus. Für viele jedoch ist die erste Faszination mit der Ernüchterung verbunden, dass für datenjournalistische Projekte ganze Teams von Programmierern, Grafikern und speziell ausgebildeten Reportern benötigt werden. Ein Irrtum. Simon Hurtz von der Kooperative Berlin erklärt ein einfaches Werkzeug, mit dem sich spielerisch und kinderleicht datenjournalistische Projekte realisieren lassen: der Datawrapper.   

Datenjournalismus wird in einigen Jahren kein Aufsehen mehr erregen. Weil er selbstverständliche Methode und alltägliches Werkzeug der Berichterstattung sein wird.“ Das sagt Lorenz Matzat, einer der führenden Datenjournalisten in Deutschland, im Interview mit dem Debattenportal Diskurs@Deutschlandfunk.

Er ist nicht der Einzige, der viele Hoffnungen in diese Form des Journalismus setzt. Projekte wie der Zugmonitor von sueddeutsche.de oder die interaktive Aufbereitung der Telekommunikationsdaten des Grünen-Politikers Malte Spitz durch ZEIT Online haben für Aufsehen gesorgt. Nachdem viele Redaktionen im angelsächsischen Raum längst selbstverständlich auch Programmiere beschäftigen, um mit Daten Geschichten zu erzählen, kommt der Trend langsam auch in Deutschland an.

Viele Journalisten schrecken beim Wort Datenjournalismus erst einmal zurück: „Ich habe doch keine Ahnung von Programmieren. Ich bin Journalist und kein Informatiker.“ Natürlich: Hinter der Fluglärm-Karte der taz oder dem Guardian-Datablog steckt jede Menge technisches Know-How. Aber Datenjournalismus muss nicht schwierig sein – grundlegende Excel-Kenntnisse reichen vollauf. Dafür sorgen Tools wie der Datawrapper.

Der Informationsarchitekt Mirko Lorenz und der französische Programmierer Nicolas Kayser-Bril haben den Datawrapper gemeinsam für die ABZV (Bildungswerk der Zeitungsverlage) konzipiert. Das Projekt ist Open-Source und in einer webbasierten und einer herunterladbaren Version frei verfügbar. Interessierte Verlage können den Datawrapper auf einem eigenen Server installieren und das Erscheinungsbild an ihre Vorgaben anpassen. Die Web-Variante ist kostenlos, lediglich für die Download-Version müssen kommerzielle Webseiten eine Lizenz der von Datawrapper genutzten Visualisierungsbibliothek Highchart erwerben.

Schritt für Schritt zu Visualisierung

Wer mit dem Datawrapper eine Visualisierung erstellen möchte, braucht zuerst einmal Rohdaten, mit denen er den Datawrapper „füttern“ kann. Diese müssen in Tabellenform vorliegen; sucht also in Excel, einer Google Tabelle oder einem Chart auf einer Webseite nach interessantem Datenmaterial. Eine sehr umfangreiche Übersicht geeigneter Quellen gibt es z.B. beim Datenjournal. Anschließend wird der Inhalt per Copy & Paste in den Datawrapper eingefügt, der die Tabelle zugleich automatisch bereinigt (etwa Einrückungen, Punkte und Kommata angleicht).

Derzeit bietet der Datawrapper fünf unterschiedliche Arten der Visualisierung. Säulen (horizontal und vertikal), Linien, Tortendiagramme und den sogenannten Streamgraph. Im Laufe der Zeit soll das Angebot erweitert werden – für den Anfang reichen diese Möglichkeiten aber vollauf.

Wie bei allen Programmen gilt auch beim Datawrapper: Die beste theoretische Erklärung nützt nichts, wenn man nicht Hand an die Maus legt, und selber ausprobiert. Für diesen Zweck eignet sich das Tutorial auf der Webseite – keine Sorge: es ist quasi selbsterklärend und dauert höchstens fünf Minuten. Darin werden kurz die unterschiedlichen Darstellungsformen vorgestellt und erklärt, für welche Zwecke sie sich am besten einsetzen lassen.

Um loszulegen, fehlt dann nur noch die kostenlose Registrierung: Einfach Mailadresse sowie ein selbstgewähltes Passwort angeben, und der erste Schritt zum Datenjournalist ist gemacht. Wenn Lorenz Matzat mit seiner Prognose Recht hat, ist das eine der besten Fortbildungsmaßnahmen, die Journalisten derzeit in Angriff nehmen können. Und wenn nicht? Dann waren es zehn verschenkte Minuten – es hätte schlimmer kommen können.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in: JOURNALISMUS & NETZ, NEU
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